nach oben
Großes Ensemble auf den Spuren der Klostermorde: „Der Name der Rose“ in der 2011 uraufgeführten Theaterfassung von Regisseur Peter Rumpf. Foto: Kriminaltheater
Großes Ensemble auf den Spuren der Klostermorde: „Der Name der Rose“ in der 2011 uraufgeführten Theaterfassung von Regisseur Peter Rumpf. Foto: Kriminaltheater
12.02.2019

Mord, Sex und Machtmissbrauch: So war „Der Name der Rose“ in Mühlacker

Mühlacker. Kaum eine Literaturverfilmung aus den 1980er-Jahren hat sich derart nachhaltig in die kollektive Erinnerung gebrannt wie Jean-Jacques Annauds eigenständige Interpretation des erfolgreichen Historienromans „Der Name der Rose“ von Umberto Eco. Dessen Handlung spielt im Jahr 1327, zu einer Zeit, als das in Klosterbibliotheken gesammelte Wissen einer winzigen Elite eine größere Macht garantierte, als sie heute alle digitalen Datenkraken zusammen besitzen.

Aktualität verleihen Ecos historischem Kriminalroman auch die in den letzten Jahren aufgedeckten Übergriffe auf Kinder und Jugendliche sowie der Anfang Februar von Papst Franziskus eingeräumte Missbrauch von Frauen und Nonnen in der katholischen Kirche. Im Vorwort der jetzt im Uhlandbau gezeigten Bühnenfassung von Claus J. Frankl (Jahrgang 1962) findet sich dann auch der Hinweis: „Es gibt kaum einen Aspekt heutiger Diskussionen, der von Umberto Eco nicht zumindest irgendwie gestreift werden würde“.

Am Samstag sind es in Mühlacker mehr als 200 Zuschauer, die sich die im Jahr 2011 uraufgeführte Theaterfassung von Regisseur Peter Rumpf und des Berliner Kriminaltheaters anschauen. Schon in den ersten Szenen wird deutlich: Die Kriminalgeschichte ist nicht nur gekonnt umgesetzt, sondern durch ihre chronologisch vermittelte Handlung und die konsequent praktizierte Anrede der im Dutzend agierenden Mönche mit ihren Namen leichter nachvollziehbar als der seinerzeit auch aus diesem Grund mit gemischten Kritiken bedachte Film. Eine weitere Erkenntnis: Claus J. Frankls opulente Bühnenumsetzung hält die besten Rollen nicht für die Ermittler wie William von Baskerville (dargestellt von Matti Wien) und Adson von Melk (Thomas Wingrich) bereit, sondern für die halbirren Bösewichte wie Klosterverwalter Remigiuns von Varagine, dem Wesselin Georgiew den Tonfall und die Intensität Klaus Kinskis zu verleihen weiß.

Ebenfalls eine sehenswerte Glanzrolle: Gert Melzer als blinder Bibliothekar und Giftmörder Jorge von Burgos. Er hält das „Zweite Buch der Poetik“ des griechischen Philosophen Aristoteles für gefährlich – für die Macht der römischen Kirche – und steckt die oberitalienische Abtei samt ihres kostbaren Bücherschatzes in Brand.

Zumindest eine Schlussfolgerung des englischen Franziskanermönchs William von Baskerville, der die fünf Klostermorde aufdeckt, könnte aktueller nicht sein: „Hüte dich vor den Wahrheitspropheten! Wirklich frei bist du nur, wenn du niemanden anbetest“. Selbsterklärte Visionäre mit erklärtem Anspruch auf ein Monopol der Deutungshoheit, geistige Brandstifter und gesellschaftliche Spalter sind kein Relikt aus dem finstersten Mittelalter, sondern Teil unserer Gegenwart, deren kritische Wahrnehmung die Inszenierung von Wolfgang Rumpf nachschärft. Entsprechend stark fällt im Uhlandbau der finale Applaus für Aufführung und Darsteller aus.