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Das Bild „Kahnfahrt“ von 1910 ist in der Schau „Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife“ zu sehen.  Hase/Lenbachhaus
Das Bild „Kahnfahrt“ von 1910 ist in der Schau „Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife“ zu sehen. Hase/Lenbachhaus
02.11.2017

Münchner Ausstellung wirft einen besonderen Blick auf Gabriele Münter

Wenn nicht da, wo sonst? Das Lenbachhaus in München zeigt die erste umfassende Retrospektive Gabriele Münters (1877 bis 1962) seit 25 Jahren.

Und wartet pünktlich zum 140. Geburtstag der Künstlerin mit allein 132 Gemälden auf – 90 davon noch nie oder zuletzt zu Lebzeiten der Malerin ausgestellt. Die wichtigsten davon stammen aus dem eigenen Fundus, verfügt das Lenbachhaus doch dank der Stiftung von Gabriele Münter und ihrem Lebenspartner Johannes Eichner allein über rund 700 ihrer Werke.

„Eine Gelegenheit“, sagt Museumsdirektor Matthias Mühling, „die unbekannte Seite Münters vorzustellen“. Aufzuzeigen, dass die gebürtige Berlinerin viel mehr war als die Frau an der Seite von Wassily Kandinsky. „Sie konnte ein Motiv visuell sehr schnell erfassen“, schildert Kuratorin Isabelle Jansen und verweist auf die Fotografien. Gerade mal 22 Jahre alt, reist Münter mit ihrer Schwester Emmy 1898/1899 nach Nordamerika. Besucht Verwandte und fotografiert: 400 Aufnahmen, die vom sicheren künstlerischen Blick, von hoher Kreativität zeugen und viele Motive ihrer späteren Gemälde vorwegnehmen. Da fotografiert sie während der Fahrt mit einem Raddampfer auf dem Mississippi, ist sichtlich von der Technik und ihren geometrischen Formen fasziniert, wählt einen Bildaufbau, der sich in ihren Bagger-Bildern von 1935 widerspiegelt. Oder das einsame schlichte Haus in der weiten Landschaft von Texas, das im Aufbau ihre berühmten Landschaftsbilder vorwegzunehmen scheint.

„Die Essenz eines Bildes unmittelbar wiederzugeben – ohne Drum und Dran“, nennt Jansen als wichtige Intention der Künstlerin und verweist mit dem Ausstellungstitel „Malen ohne Umschweife“ darauf. Wobei bei aller scheinbaren Einfachheit des Motivs der komplexe Inhalt das Oeuvre bestimme. Und so will die Münchner Ausstellung anhand von zehn Themenkomplexen aufzeigen, wie sehr sich Münter ein Künstlerleben lang mit unterschiedlichen Sujets auf ganz unterschiedliche Weise auseinandersetzte.

Dabei sind die – von Münter eher ungeliebten – Porträts der wohl eindringlichste Teil der Schau. Eindrucksvoll, wie sie mit ihrer expressionistischen Malerei das Wesen der Porträtierten erfasst – sei es das berühmte „Bildnis Marianne von Werefkin“ oder das in sich gekehrte „Fräulein Mathilde mit blauem Kopftuch“.

Doch die Münchner Ausstellung kann mehr, als die bekannten Bilder der Jahre 1909 bis 1914 im Murnauer „Russenhaus“ an der Seite von Wassily Kandinsky und der Freudschaft mit Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky mit höchst eindrucksvollen Exponaten aufzuzeigen.

Denn es sind die vielen künstlerischen Facetten der Münter, die frühen Reisebilder, die Werke der Neuen Sachlichkeit, der Versuch der Abstraktion und die zahlreichen Werke des Primitivismus, die die Schau zu einer ungewöhnlichen und spannenden Entdeckungsreise in den großartigen Bilderkosmos der Gabriele Münter werden lassen.