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Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden wird das Werk „Ohne Titel“ von Karin Kneffel aus dem Jahr 2016 präsentiert. Es ist Teil der Ausstellung „Die Kerze“. Fotos: deck
Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden wird das Werk „Ohne Titel“ von Karin Kneffel aus dem Jahr 2016 präsentiert. Es ist Teil der Ausstellung „Die Kerze“. Fotos: deck
Kunst-Ikone: „ Kerze “ von Richter.
Kunst-Ikone: „ Kerze “ von Richter.
21.10.2016

Museum Frieder Burda zeigt Ausstellung zum Thema Kerze

Werke zwischen Andacht, Trauer und sexuellen Anspielungen.

Wie schwebend im Raum, seitlich halb verschattet, die Flamme fast gleißend und das Bild doch so beruhigend und leise – Gerhard Richter hat „Die Kerze“ gemalt, kaum ein modernes Gemälde hat sich als Ikone sakraler Reinheit, Stille und Insichgekehrtheit so ins Gedächtnis gebrannt wie dieses. Seit Jahren ist es im Besitz des Museums Frieder Burda, zuletzt wurde es 2014 dort gezeigt. Nun dreht sich eine ganze Ausstellung um die Kerze als Motiv, als Sinnbild für Spiritualität und Religiosität, als Synonym für Erleuchtung und Klarheit, für Leben und Vergänglichkeit, aber auch als Verweis auf Zwielicht und Geheimnis oder als erotisches Zeichen für Macht, Potenz und Gewalt. Die mit dem schlichten Titel „Die Kerze“ überschriebene Schau gruppiert Künstler des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts um die 1982 entstandene Bild-Ikone Richters, der das Motiv 29 mal malte. Sie wird Ausgangspunkt für einen umfassenden, mitunter verstörenden Streifzug durch die Facetten dieses Motivs – in Skulpturen, Installationen, Fotografien und vornehmlich Gemälden.

Über 50 Werke von 37 Künstlern haben die Kuratoren nach Baden-Baden geholt. Gleich im Erdgeschoss trifft der Besucher quietschbunt auf Jeff Koons. Im großformatigen Gemälde „Candle“ stellt Koons eine sonnengelbe Kerze plakativ in den Vordergrund und verquirlt Teile eines Bikinis, einen blauen Schmetterling, lila Blüten vor knallblauem Wasser und Urlaubshimmel zu einer fröhlichen Collage weiblicher Erotik. Daneben verwandelt sich in einem Bild Dieter Kriegs die Kerze in eine Dynamitstange. Im nicht betitelten Werk steht sie aggressiv-orange und bedrohlich gekrümmt neben einer Art Sammelbüchse mit großem Schlitz. „Opfer“ steht darauf.

Religiöse Doppelmoral, brutale Sexualität? „Es geht nicht um dich“, motzt jedenfalls im gleichen Raum eine mehr als zwei Meter große Skulptur von Seb Koberstädt, der aus Wachs eine Kerze wie einen Riesen-Phallus mit Docht auf einen Ständer aus Hirschgeweih montiert. In neonfarbigem Bienenwachs modelliert ein paar Meter weiter der US-Amerikaner Robert Gober eine abstoßende Version einer mit Menschenhaar bestückten Scham, aus der eine Kerze ragt. „Die Kerze als sexuelles Motiv findet man etwa bei niederländischen Malern schon früh im 18. Jahrhundert“, erklärt Mitkuratorin Katrin Schwarz. Kerzen beleuchten Mägde und Dirnen oder spenden Licht in übel beleumundeten Wirtshäusern. Doch Kerzen stehen bis heute immer auch als Symbol für Trost und Trauer, Heil und Hoffnung: In der Ausstellung greift dies etwa ein Werk von Nam June Paik auf, der einen Buddha vor einen Fernseher setzt, in dem eine Kerze brennt. Spiritualität wird angedeutet und gleichzeitig ironisch gebrochen.

Traurig gegenwärtig ist die Kerze als Kerzenmeer vor Tatorten, Gedenkstätten, Schauplätzen von Amokläufen oder terroristischen Anschlägen. Die große Fotografie „Tribute“ von Thomas Demand zeigt schier unzählige brennende Kerzen in verschiedenen Rottönen vor einer Mauer so leuchtend, als wäre die Fotografie von hinten zusätzlich bestrahlt. Die kontemplative Dramatik des Fotos wird noch übertroffen von einem Foto-Kunstwerk der Performance-Künstlerin Marina Abramovic in „Artist Portrait with a Candle“ (Selbstporträt mit einer Kerze): Die schwarz gekleidete Abramovic sitzt im nur vom Kerzenschein erhellten scheinbar unendlichen Raum mit einer Kerze in der Hand, die Augen geschlossen. Der Ausstellung gelingt ein weiter Blick auf den Umgang zeitgenössischer Künstler, darunter auch Georg Baselitz, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz, mit diesem Motiv. Manch einer bezieht sich gar direkt auf Richter: Seine Schülerin Karin Kneffel malte für die Schau Variationen seines berühmten Bildes. Kerze ausgepustet, angriffslustig auf den Kopf gestellt, gespiegelt, übermalt und doch als Hommage ehrfürchtig.