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Rinder, soweit das Auge blickt: Andreas Gurskys Bild des Viehmarkts im amerikanischen Greenly ist eines der vielen großformatigen, in Baden-Baden gezeigten Werke.  Foto: dpa
Rinder, soweit das Auge blickt: Andreas Gurskys Bild des Viehmarkts im amerikanischen Greenly ist eines der vielen großformatigen, in Baden-Baden gezeigten Werke. Foto: dpa
Das Werk „Rückblick“ aus dem Jahr 2015 zeigt die vier deutschen Kanzler der jüngsten Geschichte der Bundesrepublik. Foto: dpa
Das Werk „Rückblick“ aus dem Jahr 2015 zeigt die vier deutschen Kanzler der jüngsten Geschichte der Bundesrepublik. Foto: dpa
23.10.2015

Museum Frieder Burda zeigt großformatige Werke von Andreas Gursky

Was ist Wirklichkeit? Die sinnbetäubende Warenfülle in amerikanischen Supermärkten, die geballte Menschenmasse bei einem Madonna-Konzert, der Viehmarkt, der nicht einmal am Horizont zu enden scheint? Die vier deutschen Kanzler, die nebeneinander sitzen? Sind sie real, ist Politik real? Sind wilde Konsumschlachten und hysterische Massenaufläufe unsere Gegenwart? Ist das, was uns Andreas Gursky mit seinen Fotografien zeigt, Gaukelei, Irrsinn oder schlichtweg unser Leben? Der weltweit teuerste Fotograf lockt den Betrachter auf eine Fährte. Ob sie richtig oder falsch ist, das muss jeder selbst entscheiden – ohne Hilfestellung. Zum Beispiel im Museum Frieder Burda in Baden-Baden.

Nur manchmal, da holt die Zeit auch den Visionär Andreas Gursky ein. Aus dem Jahr 2007 stammt sein Bild vom Frankfurter Flughafen. Unter einer erschlagend riesigen schwarzen Anzeigentafel hocken Menschen – dunkelhaarig, mit Kopftüchern, langen Gewändern. Sei scheinen verloren inmitten dieser düster bedrückenden Flughafenwelt. „Als das Bild entstand, gab es noch keine Flüchtlingsströme“, sagt Gursky in Baden-Baden. Und: „Ich habe offenbar einen prognostischen Blick.“

Genau diese Seite des Schaffens will die Ausstellung im Museum Frieder Burda anhand von 34 meist großformatigen Werken zeigen, will deutlich machen, dass hinter den großartig komponierten, fast malerisch wirkenden Fotografien, hinter all der technischen Perfektion der digitalen Bildbearbeitung weit mehr steckt.

Denn wer kann heute noch unbelastet das 1992 aus der Vogelperspektive aufgenommene Kairo-Diptychon betrachten, kann den von Menschen und Fahrzeugen wimmelnden Platz in der ägyptischen Hauptstadt nur als ornamenthaftes Spiel mit Formen sehen? Wer glaubt schon an die heile Welt des Fußballs, die die weiträumige Aufnahme eines Rasenfelds mit statischen Kickern suggeriert? Und wer muss über die großartige Schönheit der Aufnahme „Antartic“ (2010), die auf den ersten Blick nur einen sich auflösenden weißen Farbauftrag inmitten einer dunklen Fläche zeigt, nicht an den Klimawandel denken?

„Die Bilder haben ihre Unschuld verloren“, sagt der gebürtige Leipziger, der das Baden-Badener Ausstellungskonzept anfangs kritisch beäugte: Eine thematische Akzentuierung liege ihm eigentlich nicht. Doch das ist genau die Intention von Kurator Udo Kittelmann. Er will aufzeigen, wie die Werke des 60-Jährigen in unsere Sozial- und Zeitgeschichte eingebunden sind.

Konstruierte Wirklichkeit

Der Direktor der Nationalgalerie in Berlin stellt ganz bewusst eine gerade erst entstandene Arbeit Gurskys in den Vordergrund: „Rückblick“ zeigt die vier Bundeskanzler der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik. Dem Betrachter den Rücken zugewandt, sitzen sie vor Barnett Newmans monumentalem Gemälde „Vir Heroicus Sublimis“ (Mann, heroisch, erhaben). Eine Szene, die es so nie gegeben hat. Doch auf die Frage nach der Realität hat Gursky seine Antwort gefunden: „Wirklichkeit ist überhaupt nur darzustellen, indem man sie konstruiert.“