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Experimentelle Musik: Sebastian Studnitzky an der Trompete (hinten) und Holger Mertin am Edelstahl-Ungetüm von Bildhauer Klaus Gündchen im Osterfeld.  frommer.
Experimentelle Musik: Sebastian Studnitzky an der Trompete (hinten) und Holger Mertin am Edelstahl-Ungetüm von Bildhauer Klaus Gündchen im Osterfeld. frommer.
29.02.2016

Musik mit vollem Körpereinsatz: „Drums and more“ im Osterfeld

Die Konzertreihe „Drums and more“ des Ausnahme-Perkussionisten Holger Mertin steht für experimentelle Musik. Im Osterfeld-Studio hat sich der 38-jährige Kölner diesmal mit dem aus Neuenbürg stammenden Trompeter und Wahl-Berliner Sebastian Studnitzky verabredet – beide haben die Erwartungen des Publikums übertroffen.

Vor dem Auftritt nichts geprobt

„Das ist eine Art doppeltes Blind Date“, versichert Holger Mertin den Pforzheimer Zuhörern, denn die beiden Musiker stehen an diesem Abend erstmals gemeinsam auf der Bühne. „Wir haben uns beim Essen kurz über das Programm unterhalten“, sagt Mertin, „aber wir haben nichts geprobt. Das birgt beim Auftritt sonst nur die Gefahr, dass man sich genau daran viel zu sehr klammert. Wir würden uns nicht als Jazzmusiker, sondern als Improvisatoren bezeichnen.“ Und Sebastian Studnitzky verneint im PZ-Gespräch, dass dies auch hätte schiefgehen können: „Verspielen kann man sich ja nicht“, meint er trocken. Tatsächlich sind die unkonventionellen Tonfolgen und Rhythmen, die beide Musiker ihren Instrumenten entlocken, dazu geeignet, den Begriff „Lautmalerei“ ganz neu zu definieren.

Studnitzky greift an Piano und Synthesizer in die Tasten und hin und wieder zur Trompete. Dem Sound gibt er per Computer den Feinschliff. Mertin hat eine ganze Armada an Instrumenten mitgebracht: Modulationsscheiben, Rahmentrommeln, Becken und ein 2008 vom Metallbildhauer Klaus Gündchen geschaffenes Edelstahl-Ungetüm, das der 38-Jährige abwechselnd bespielt, bestreicht oder im eigentlichen Sinne des Wortes „be-sitzt“. Der Karlsruher Bildhauer Gündchen ist an diesem Abend unter den Zuschauern im Osterfeld-Studio und verrät: „Ich habe irgendwann bemerkt, dass die Plastiken durchaus Geräusche von sich geben – und finde es sehr spannend einen Musiker zu dem Tabu-Bruch bewegt zu haben, Kunst eben doch zu berühren.“ Es gab auch noch weitere Instrumente zu bestaunen: Etwa ein in seinem metallischem Klang leise an eine Steelpan erinnerndes „Hang“, das in Bern von Felix Rohner und Sabina Schärer ersonnen und ab dem Jahr 2001 gebaut wurde. Oder das optisch an einen aus einem Automobil gerissenen Kühler erinnernde „Waterphone“ mit dem alleine, so Holger Mertin, in den 1960er-Jahren „ganze Serien von Hitchcock-Krimis“ vertont wurden.

Knien, klopfen, stampfen

Gelegentlich kommt Mertin aber auch ganz ohne Instrument aus: Dann kniet, klopft oder stampft er auf der Bühne – was ein auf den blanken Boden geklebter Tonabnehmer auffängt und ein Verstärker ins finster abgedunkelte Studio posaunt.

Das außergewöhnliche Konzert klingt mit viel Beifall und zwei Zugaben aus. Bei der ersten lässt Studnitzky endlich die zuvor zurückhaltend eingestreute Trompete etwas mehr von der Leine. Vor der zweiten überlegt Mertin kurz, entscheidet dann spontan: „Komm, lassen wir’s krachen“, und wirft sich noch mal rittlings und mit vollem Körpereinsatz auf die Skulptur Gündchens.