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Bernd Glemser (hinten) kommt jeden Sommer nach Maulbronn – und hat einige Tipps für das Geschwisterpaar Ada Aria und Ead Anner Rückschloß. Seine Kurse werden auch von externen Gästen gerne besucht. Fotos: Bechtle
Bernd Glemser (hinten) kommt jeden Sommer nach Maulbronn – und hat einige Tipps für das Geschwisterpaar Ada Aria und Ead Anner Rückschloß. Seine Kurse werden auch von externen Gästen gerne besucht. Fotos: Bechtle
Mit dem belgischen Geiger Floris Willem (links) ist Dozent Christian Altenburger hochzufrieden – einige Ratschläge kann er ihm trotzdem geben.
Mit dem belgischen Geiger Floris Willem (links) ist Dozent Christian Altenburger hochzufrieden – einige Ratschläge kann er ihm trotzdem geben.
03.09.2015

Musik-Explosion hinter Klostermauern

In Maulbronn lernen junge Musiker von erfahrenen Profis. Auch Zuschauer interessieren sich für die Tipps der Musiker.

Maulbronn. Wenn Floris Willem mit dem Bogen über die Geige streicht, fliegen die Fetzen – oder zumindest die Bogenhaare. Schon nach den ersten Augenblicken seines Vorspiels hängen sie wie ausgerupft herunter. Seine Interpretation von Bachs Chaconne d-Moll duldet keinen Widerstand – und am wenigsten von irgendwelchen Bogenhaaren. Sie müssen weichen – ihm und seinem Geigenstrich, der das Bach’sche Meisterwerk in ein hochexpressives Klangspektakel verwandelt. Die Augen hält er geschlossen, nur selten lugt ihr unterer Teil hervor. Zwischen den markerschütternden Akkorden ist sein Atmen zu hören. Als er endet, ist er zufrieden. Er ist sehr aufgeregt gewesen, bekennt er später.

Kein Grund zur Sorge; Dem Dozenten Christian Altenburger hat sein Spiel gefallen. Und das zählt. Denn hier in Maulbronn gibt der international bekannte Geiger Meisterkurse. Er hört jungen Musikern zu – und sagt, was sie noch besser machen können. Von den Großen der Szene lernen; das ist das Prinzip der Meisterkurse.

Inspirierende Stille

In Maulbronn finden sie jedes Jahr im Sommer statt – dann, wenn die Schulferien das Evangelische Seminar verwaisen lassen und Platz ist für diesen Unterricht der musikalischen Art. Hier lernen die Nachwuchsmusiker nicht nur in ihren jeweiligen Unterrichtsstunden, sondern auch darüber hinaus. Die Klosterstille lädt zum Üben ein und, wenn ihre Kollegen unterrichtet werden, sitzen die Nachwuchsmusiker gleichfalls mit dabei, versuchen vom fremden Spiel zu lernen – und vom Ratschlag der Dozenten. Denn diese haben viel zu sagen. Altenburger gibt Willem viele Ratschläge; justiert das Tempo und bespricht einzelnen Stellen mit ihm. Vor allem eines aber gibt er ihm mit: die Kunst der Gewichtung. Denn Willem fährt immer Vollgas. Altenburger zeigt ihm, wo es Möglichkeiten zur Schattierung gibt. Er regt an, für jede Variation des Satzes einen eigenen Charakter zu entwickeln und musikalische Höhepunkte breiter vorzubereiten. Willem soll sein Spiel teilweise mehr zurücknehmen. Nur, um es danach noch gewaltiger explodieren zu lassen. Diese Ratschläge nimmt Willem beflissen auf. Jetzt geht es darum, das Gehörte im eigenen Üben zu verfestigen, die eigene Interpretation noch besser zu machen. Einmal, weil Willem heute Abend auf der Bühne steht – aber noch aus einem anderen Grund.

Der junge Belgier strebt ein Studium bei Altenburger an. Er wollte seinen Wunschlehrer schon jetzt kennenlernen. Deswegen ist er nach Maulbronn gekommen.

Insgesamt haben rund 30 Musiker hierher gefunden. Sie verteilen sich auf drei Dozenten. Die Cello-Schüler betreut der Schweizer Cellist Patrick Demenga. Der Klavierdozent ist in Maulbronn altbekannt. Es ist Bernd Glemser, der im Kloster seit 2006 Meisterkurse gibt. Seine Stunden sind gut besucht. Auch externe Zuhörer kommen jedes Jahr in stattlicher Anzahl, um ihm zu lauschen – und dem, was er über Musik zu sagen hat. Das können auch ganz konkrete Tipps sein. „Das sieht wahnsinnig komisch aus“, sagt er der Pianistin Ada Aria Rückschloß (21): „Und auch ziemlich unbequem!“ Zusammen mit ihrem Bruder Ead Anner (18) spielt sie vierhändig Klavier. Damit sich die Hände nicht in die Quere kommen, hat die 22-Jährige ihre linke Hand nach oben gespreizt. Glemser gefällt das nicht. Er korrigiert – und ist erfreut, dass sein Ratschlag aufgenommen wird. Denn die Schüler sind begierig darauf, von ihren Vorbildern zu lernen. Auch im nächsten Jahre werden sie wiederkommen, um zu lernen, sich auszutauschen – und um das eine oder andere Haar aus dem Bogen reißen zu lassen.