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Ensemble-Mitglieder aller Sparten des Theaters Pforzheim huldigen dem Dichter Friedrich Hölderlin.  Foto: Inken Meents 

Musikalische Lesung mit Tanz im Stadttheater gratuliert Hölderlin zum 250. Geburststag

Pforzheim. Gedichte und Zitate, biografische Anspielungen, musikalische und tänzerische Momente: Ensemblemitglieder aus allen Sparten des Theaters Pforzheim teilten sich am Samstagabend die Bühne – von Chefdramaturg Peter Oppermann eingebunden in eine gut 70-minütige Hommage „Glänzende Götterlüfte, Brot und Wein“ an den Dichter und Lyriker Friedrich Hölderlin, die dem Publikum, anlässlich seines 250. Geburtstags auch den Blick auf den Revolutionär, den Romantiker und den kompromisslosen Idealisten ermöglichen sollte. Die von ihm konzipierte Hölderlin-Soiree nannte Oppermann in seiner Einführung: „Alles in allem eine subjektive Annäherung – mit Sprache, Musik und Bewegung“.

Die erste Facette dieser Annäherung steuerte Mezzosopranistin Jina Choi mit dem Hölderlin-Lied „Sonnenuntergang“ bei, das Peter Cornelius im Jahr 1862 erstmals vertont hat. Am Piano wurde Jina Choi von Immanuel Karle begleitet, der die von Inken Meertes zusammengestellte Musik mit den beteiligten Ensemblemitgliedern auch einstudierte. Schauspielerin Michaela Fent eröffnete mit dem Text „Der Mensch“ die Lesung; Ensemblemitglied Nicolas Martin zitierte aus Peter Härtlings 1976 erstmals erschienenen Roman „Hölderlin“ einen Text zu Kindheit und Jugend des Dichters in Lauffen am Neckar.

Auf andere, ursprünglich angekündigte Texte mit Bezug zu Schwaben hat Oppermann, wie er im PZ-Gespräch sagte, verzichtet, da es weit aussagekräftigere Hölderlin-Texte gäbe, wie etwa die Zitate aus der Ode „Brot und Wein“ oder der am Abend von Schauspieler Daniel Kozian vorgetragene Auszug aus dem 1797 und 1799 in zwei Bänden erschienen lyrischen Briefroman „Hyperion“ – der bekannte Scheltbrief über die Deutschen, des zu diesem Zeitpunkt 19-jährigen Dichters: „Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“.

Oppermann unterstrich schon eingangs: „Die Umstürzler von 1968 erklärten Höderlin als einen von ihnen; aber er wurde auch missbraucht. Die Nazis hörten in seinen vaterländischen Gesängen die ideale Begleitmusik für die Opfer des Kriegs“. Einen verbalen Hinweis auf die zweite Lebenshälfte Hölderlins, in tatsächlicher oder vorgespielter geistiger Umnachtung – die Experten wurden hierzu nie einig –, gab es nicht. Eine Anspielung auf die angegriffene Gesundheit des Dichters könnte man allenfalls in den teils ekstatischen Bewegungsabläufen beim spannenden optischen Höhepunkt der Soiree vermuten, den die Tänzerinnen Alba Valenciano López (Spanien) und Selene Martello (Italien) gemeinsam mit Schauspieler Nicolas Martin beisteuerten: eine ganz und gar ungewöhnliche choreografische Annäherung an den Hölderlin-Text „Lebenslauf“. Die von Tenor Benjamin Werth am Piano vorgetragene Liedimprovisation „Ehemals und jetzt“ und zwei Gesangsdarbietungen von Jina Choi „Geh unter, schöne Sonne“ und von Dorothee Böhnisch „Sonnenuntergang“ von Paul Hindemith rundeten die Soiree ab. Ungewöhnlich – und Corona geschuldet – der finale Applaus, der nur auf die Armlehnen geklopft werden durfte.