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Bei den Proben zusammen mit dem Bachorchester bewegt sich Jochen Woll auf besonderem Boden. Hier im Lutherhaus am Schloßberg hat er den Sektempfang seiner Hochzeit gefeiert.  Mayer
Bei den Proben zusammen mit dem Bachorchester bewegt sich Jochen Woll auf besonderem Boden. Hier im Lutherhaus am Schloßberg hat er den Sektempfang seiner Hochzeit gefeiert. Mayer
Jochen Woll probt mit den Ensembles, in denen er früher selbst musiziert hat.
Jochen Woll probt mit den Ensembles, in denen er früher selbst musiziert hat.
17.03.2016

Musikalische Rückkehr nach Pforzheim: Heidelberger Jochen Woll dirigiert Johannespassion

Pforzheim. Jochen Woll ist zurückgekehrt. Zu den Orten, die seine Jugend geprägt haben. Es sind die Pforzheimer Kirchen, mit denen der Dirigent wichtige Einschnitte seines Lebens verbindet. Hier hat er unter Rolf Schweizer jahrelang musiziert – als Berufsmusiker kommt er nun wieder. Denn er leitet die Passionskonzerte der diesjährigen Karwoche.

Auch auf der Landkarte seines Privatlebens haben die Pforzheimer Kirchen ihre Spur hinterlassen. In der Schloßkirche hat er geheiratet. „Das musste einfach hier sein“, sagt Woll (56) – obwohl er damals schon seit Langem nicht mehr in Pforzheim wohnte. 20 Jahre ist das her. Auch jetzt steht er wieder im Lutherhaus am Schloßberg. Dort, wo er damals angestoßen hat auf die Zukunft seiner Ehe, hebt er nun die Hände zur Musik.

Zusammen mit dem Bachorchester bereitet er sich auf die Johannespassion vor, die das Ensemble zusammen mit Oratorien- und Motettenchor am Gründonnerstag und Karfreitag spielen wird. Mit dem Motettenchor hat er in diesem Monat schon ein erfolgreiches Projekt realisiert: Distlers Choralpassion. Diese Werke der evangelischen Kirchenmusik sind es, die Woll von klein auf kennt, mit denen er in Pforzheim aufgewachsen ist. Hier ist seine Heimat – nicht nur musikalisch.

Blockflöte im Arlinger

Sein Vater ist Pfarrer in Huchenfeld. Musik gehört zum Leben dazu. Wie so viele beginnt er selbst auf der Blockflöte. An die Lehrerin – „Das war das Fräulein Baroni aus dem Arlinger“ – erinnert sich Woll noch heute. Sie ist es auch, die ihm den Instrumentenwechsel nahelegt: „Du hast so viel Talent“, sagt sie: „Du musst jetzt ein richtiges Instrument lernen.“ Woll wählt die Oboe, wird später im Schulorchester des Reuchlin-Gymnasiums mitspielen. Aber ein Ort, der ist wichtiger für seine musikalische Karriere: die Stadtkirche. Rolf Schweizer, der damalige Kirchenmusikdirektor Pforzheims, fasziniert Woll – und mit ihm eine ganze Generation.

Es sind geburtenstarke Jahrgänge. Für die Musik interessieren sich nicht einzelne, ganze Gruppen finden sich in den Chören zusammen. „Mein gesamter Freundeskreis hat damals im Motettenchor gesungen.“ Und die Popmusik? Die hat Woll wenig interessiert. „Mein ältester Bruder war Beatles-Fan“, sagt er. „Die Musik fand ich nicht schlecht; aber um sich ganz auf sie zu konzentrieren, war mir schon zu wenig dahinter“.

Bei solchen Vorlieben scheint die Berufswahl entschieden. „Viele meiner Freunde sind Musiker geworden“, sagt Woll. Für ihn ist das lange nicht klar. Er sympathisiert zwar mit der Musik als Beruf. Sein Elternhaus aber würde den Sohn lieber in seriöseren Berufen sehen. „Jura oder Medizin hätte meinen Eltern wohl gefallen.“ Doch nach Monaten des Überlegens sagt sich Woll: „Warum denn nicht?“ Der Vater ist gerade gestorben. „Da ist mir klar geworden: Ich muss mein eigenes Ding machen.“

Studium in Stuttgart

In Stuttgart studiert er Gesang, findet schnell zum Dirigieren. Direkt nach dem Studium gründet er den Kammerchor Baden-Württemberg. Ihn leitet er auch heute noch. Aber hauptberuflich ist er jetzt in Heidelberg angestellt. An der Musikschule unterrichtet er Gesang, ist für den Chor zuständig, führt junge Leute zur Musik – genau, wie er zur Musik geführt wurde. Aber beinahe, da wäre nichts draus geworden aus dieser bürgerlichen Musik-Existenz.

„Journalismus fand ich schon immer interessant“, sagt Woll. Nach dem Musikstudium hat er es damit einmal versucht. Er macht ein Volontariat bei einem Ulmer Radio-Sender, arbeitet kurz als Redakteur. „Doch dann ist der Sender pleite gegangen.“

Woll will dabei bleiben, der Radio-Journalismus macht ihm Freude – doch die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist schlecht. Nur eine passende Stelle findet er. „Ich bin zu einem Vorstellungsgespräch zu einem Radiosender nach Siegen gefahren“, sagt Woll. „Da bin ich im Nieselregen ausgestiegen und habe mir gesagt: ‚Niemals diese Stadt!‘ “ Siegen sollte nicht sein. Heidelberg ist seine neue Heimat geworden. Doch manchmal kehrt er zurück nach Pforzheim – zu seinen musikalischen Wurzeln.