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Kongeniale Partnerschaft: Anna Netrebko bezaubert beim Liederabend in der Begleitung von Elena Bashkirova. Foto:  manolopress
Kongeniale Partnerschaft: Anna Netrebko bezaubert beim Liederabend in der Begleitung von Elena Bashkirova. Foto:  manolopress
22.02.2016

Musikalische Sternstunde: Anna Netrebko singt russische Lieder im Festspielhaus Baden-Baden

Baden-Baden. Bereits im Jahr 2000, da war sie im Westen noch eine unbekannte Sängerin, trat Anna Netrebko im Festspielhaus Baden-Baden zum ersten Mal auf. Seither war sie regelmäßig an der Oos, in Gala-Abenden, in Opern wie Tschaikowkys „Iolanta“ oder Mozarts „Don Giovanni“, auch mit Pergolesis Stabat Mater. Einen Liederabend aber gab sie noch nicht. Also war das Festkonzert des Freundeskreises des Festspielhauses vor ausverkauften Rängen eine Art Premiere für Baden-Baden.

Anna Netrebko sang ihr Programm mit russischen Liedern der Romantik, das sie in nur unwesentlich anderer Form unter anderem 2009 bei den Salzburger Festspielen gegeben hatte. Davon existiert ein CD-Mitschnitt, der nicht nur belegt, dass die sängerische Meisterschaft der Netrebko ungebrochen geblieben ist, sondern auch, dass sie seinerzeit dieselben Zugaben mit Dvoraks „Als die alte Mutter“ und Richard Strauss‘ „Cäcilie“ gesungen hatte. In Salzburg wurde die Sängerin von Daniel Barenboim begleitet, in Baden-Baden saß jetzt dessen Gattin Elena Bashkirova am Klavier.

Auch wenn also die Diva ein für sie sozusagen bewährtes Programm sang, wirkte ihr Auftritt im Festspielhaus alles andere als routiniert. Sie wurde zu einer glühenden Anwältin für ihr Repertoire und schenkte ihrem Publikum eine musikalische Sternstunde.

Sind aus dem 19. Jahrhundert russische Sinfonik und Oper, auch Klavier- und Kammermusik international ein Begriff, ist das Kunstlied aus Russland wenig bekannt. Sehr zu Unrecht, wie Anna Netrebkos Einsatz für die Gesänge aus ihrer Heimat beweist. Die Tugenden der Sängerin sind bekannt: ihre Fülle und Schönheit des Stimmklangs, ihre Kunst der ausdrucksvollen Linienführung, ihre sichere Höhe, ihre makellose Tongebung, ihre unmerklichen Registerwechsel oder ihr expressiver Nachdruck. Bei den Liedern von Rachmaninow, Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky stellte sie diese ganz in den Dienst einer authentischen musikalischen Ausprägung der Texte. Opernpathos war ihr bei aller Intensität des Vortrags und den gewiss starken Emotionen in den einzelnen Liedern völlig fremd. Netrebko begeisterte deshalb an diesem Abend fast noch mehr als durch ihr extraordinäres Singen durch ihre bewegende Gestaltungskunst.

Auch wenn der größte Teil des Publikums den Inhalten wohl nur durch die deutschen Übertitel folgen konnte, war spürbar, wie Anna Netrebko die unterschiedlichen Stimmungen zwischen Melancholie, Traumversunkenheit, Emphase, Leidenschaft und gelegentlichem Humor durch dynamische Nuancen und stimmfarbliche Schattierungen immer auf Punkt brachte. Sie drang unmittelbar die Ausdruckswelt der Lieder ein.

Exzellent war das Klavierspiel von Elena Bashkirova, die nicht nur bei den auch im Klaviersatz sehr ambitionierten Liedern von Tschaikowsky mit pianistischer Meisterschaft eine kongeniale Partnerin war. Viel Beifall und Blumen für die Primadonna von ihren Fans im Festspielhaus in Baden-Baden.