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Macht Musik, wo sie sich am wohlsten fühlt: am Meer der blauen Adria, ihrem Sehnsuchtsort – Saska Domic. Pforzheimerin mit kroatischen Wurzeln.  Foto: Privat 

Musikalische Suche nach dem Selbst: Wie Saska Domic mitten im Lebenstehend noch einmal alles umkrempelt

Pforzheim. Es geschah ganz plötzlich, beim Einkaufen vor gut zwei Jahren. Saska Domic läuft durch einen Supermarkt und singt lauthals ein Lied aus den Lautsprechern mit. „Ich hatte für den Moment vergessen, wo ich mich befand“, erzählt die 49-Jährige. Irritierte Blicke? Egal. „Später im Auto dachte ich: In einer perfekten Welt, was würdest du am liebsten tun?“ Ihr wurde klar, dass sie ihre musikalischen Ambitionen nicht mehr länger ins stille Kämmerchen drängen will. Ins Alleinsein, wenn sie mal wieder Sehnsucht hat. Vor allem nach dem Meer, das ihr in Pforzheim so sehr fehlt.

Dass sie zwei Jahre später, flankiert von drei etablierten Musikern, ihr erstes abendfüllendes Solokonzert spielen würde – als Benefiz fürs Beratungszentrum Lilith – und mit selbstkomponierten dalmatinischen Chansons die Gäste im proppevollen „Café Roland“ berühren würde, hätte sie nicht zu träumen gewagt. Ja, an diesem letzten Februartag war die Konzertwelt noch in Ordnung.

Die Szene beim Einkaufen war ein Schlüsselerlebnis. Sie sollte das Leben von Saska Domic umkrempeln. Mal wieder. Denn Veränderungen gab es zuvor schon: geboren in Split (Kroatien), aufgewachsen in Pforzheim, Schulzeit am Hebel, 1990er-Jahre in Berlin, Mutter, Heirat, Trennung – ein Leben in Sinuskurven. Auch beruflich: Physiotherapeutin, dann Kulturmanagerin, später Mitarbeiterin in der Musikvideoproduktion und Produktionsleiterin und Producerin für Film und TV im Bereich Dokumentarfilm und Werbung. Dann die 180-Grad-Wende: soziale Arbeit beim Internationalen Bund in Pforzheim.

Vor zwei Jahren ist also klar: Jetzt muss es raus. „Wenn ich auch nur einen Menschen mit meiner Musik erreiche, gibt mir das ein unbeschreiblich wertvolles Gefühl. Musik und Kultur – das ist es doch, was echte Werte schafft.“ Aber wie? Zwar hatte sie als Kind kurzzeitig Klavierunterricht. Doch alles, was sie bis vor zwei Jahren noch drauf hatte, sind ein paar Akkorde und die C-Dur-Tonleiter.

Saska Domic folgt ihrer Intuition, kauft sich ein E-Piano und bringt sich das Spielen bei.

„Jede freie Minute, nach der Arbeit und nachdem ich meinen Sohn versorgt hatte, habe ich geübt. Zum Leidwesen der Nachbarn über mir.“

Nach einem halben Jahr folgt der erste Auftritt, mit nur einem Lied. Schon 2019 spielt sie fast jeden Monat ein Konzert, etwa fürs Kommunale Kino oder für die Gleichstellungsbeauftragte. „Nach jedem Auftritt kam eine neue Anfrage.“ Im Urlaub tritt sie auf Bar- und Restaurantterrassen auf, hinter ihr die Adria.

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Wie Saska Domic mitten im Lebenstehend noch einmal alles umkrempelt

Mikro, Mischpult, ein zweites Piano – damit steht Saska Domic auf der Bühne. Um die Leute mitzunehmen, erzählt sie Geschichten zu den Songs. Das erzeugt Bilder, zusätzlich zu ihrer emotionalen, warmen und tiefgründigen Musik. Das zweistündige Programm reichert sie mit Cover-Songs an, etwa David Bowies „Space Oddity“ auf Italienisch, von Hildegard Knef, vor allem aber von Oliver Dragojevic.

„Wie viele Kroaten, verzaubern seine Lieder auch mich und geben mir ein Stück zu Hause.“

Dieses zu Hause spiegle sich in jedem ihrer Titel wider. Ist es Pforzheim? Oder Split? Das Meer? Ein Mensch? Ist es pure Nostalgie, dass sie in der Sprache ihrer Wurzeln singt, obwohl sie in Deutschland sozialisiert ist? „Letztlich führt alles zu der Erkenntnis, dass man seine Heimat im Herzen finden muss.“

Immer wieder kommen Zweifel auf. Ob sie das überhaupt bringen kann, als stramm auf die 50 zugehende alleinerziehende, berufstätige Frau. Ob ihre „Jugo-Chansons“ in dalmatinischer Sprache hierzulande eine Nische finden. Begeisterte Rückmeldungen und glückliche Gesichter machen ihr Mut. Wenn es um Emotionen und Sehnsucht geht, sei die Sprache doch eigentlich egal.

Heute kann sie zwar immer noch nicht nach Noten spielen, hat aber genügend eigenes Material für ein Album, das sie begonnen hat, in einem Freiburger Studio aufzunehmen. Denn in Pforzheim fehlen ihr noch die Kontakte zu Musikern. Für sich selbst zu werben, ein Crowdfunding zu starten, Soziale Netzwerke zu bedienen – Saska Domic lernt noch. Angetrieben von einer romantischen Vision des Weltfriedens, zu dem sie ihren Beitrag leisten will, macht sie weiter. Ihre Botschaft: Musik kann Grenzen sprengen. „Und es ist nie zu spät, damit anzufangen.“

Zwei Titel hat Saska Domic bereits digital veröffentlicht: das kroatische „Da Li Znas“ (Ob du weißt) und das Liebeslied „Just A Few Words“. Melancholie in Moll, tief und warm. Heute erscheint ihr nächster Song: „Juranja Sansona“ beschreibt einen windigen Morgen in ihrer Heimat auf der Insel Ciovo bei Split und welche Bilder, Gedanken und Gefühle er in ihr auslöst. Und sie will noch viele Lieder singen, auf dem Weg nach Hause – dem Zuhause in ihrem eigenen Herzen.

Diese Erfahrung, diese Suche sei wichtiger denn je. Gerade jetzt, wo die Grenzen dicht sind.

„Ich habe ein paar Wochen gebraucht, weiß aber nun: Man muss an seinen Träumen festhalten, auch wenn der Weg ein anderer ist.“

Michael Müller

Michael Müller

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