nach oben
Rodtschenkos Zeichnung „Meister der Sozialistischen Föderativen Republik“.
Rodtschenkos Zeichnung „Meister der Sozialistischen Föderativen Republik“.
Viel Beifall für Michel Plassons Aufführung der dramatischen Legende „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz. Fotos: Adagp/Fruhinsholz
Viel Beifall für Michel Plassons Aufführung der dramatischen Legende „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz. Fotos: Adagp/Fruhinsholz
12.07.2017

Musikfestival in Colmar verbindet Russland und Frankreich

Colmar. Eines der größten russischen Orchester spielt französische Musik, und eines der schönsten französischen Museen zeigt einen russischen Künstler – derzeit eindrucksvoll zu erleben im elsässischen Colmar. Denn das internationale, vom russischen Star-Geiger Vladimir Spivakov geleitete Musikfestival hat den französischen Dirigenten Michel Plasson in den Mittelpunkt des Programms gerückt. Eine großartige Idee, wie der 83-Jährige gerade am Pult von Spivakovs Russischer Nationalphilharmonie bewies.

Trotz drückend schwüler Temperaturen in der St. Matthieu-Kirche gestaltet Plasson einen mitreißenden Berlioz-Abend mit der dramatischen Legende „La damnation de Faust“ von 1846. Eindrucksvoll, wie er die fast 100 Musiker, den großen Chor der Chorkunstakademie Moskau, der von der Empore singt, und die vier Solisten konzentriert durch die anspruchsvolle Partitur lotst und eine ebenso dramatische wie mit vielen lyrischen Momenten gespickte „Verdammnis“ gestaltet. Mit einem russischen Weltstar wird das Programm heute fortgesetzt: Pianist Grigori Sokolow spielt Mozart und Beethoven. Zum Festivalabschluss geht es hochkarätig weiter – morgen mit Pianist Nikolai Luganski und dem aufgehenden Stern am Geigenhimmel, Clara-Jumi Kang, am Freitag – beide mit der russischen Nationalphilharmonie unter Spivakov. So erlebenswert die Konzerte des Musikfestivals sind, so sehenswert ist die Ausstellung im neuen Museum Unterlinden. Im Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron wird mit Alexander Rodtschenko (1891–1956) eine der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten der Russischen Avantgarde präsentiert. Die rund 100 Exponate, die aus dem Puschkin-Museum in Moskau stammen, zeichnen ein spannendes Bild des vielseitigen Begründers der konstruktivistischen Bewegung und Pioniers der Fotokunst des 20. Jahrhunderts.

Sämtliche Forschungsarbeiten Rodtschenkos, seine abstrakten Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die Raumkonstruktionen und Architekturprojekte, Arbeiten aus den Bereichen Werbung und Design, Buchgestaltungen und Zeitschriften-Cover, und natürlich seine Fotografien sind zu sehen und geben einen Einblick in das bewegte Lebens dieses Künstlers.

1891 in St. Petersburg geboren, beginnt er 1911 sein Kunststudium an der Kasaner Kunstschule. Ende 1915 zieht er nach Moskau, wo er in den Kreisen der künstlerischen Avantgarde verkehrt und die Maler Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin kennenlernt. Eine steile künstlerische Karriere beginnt, die auch im politischen Raum ihre Fortsetzung findet: Rodtschenko gehört dem Erwerbsausschuss des Museums für Künstlerische Kultur an, erhält eine Professur, gestaltet den sowjetischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1925. Doch 1930 werden Rodtschenko wegen angeblicher konterrevolutionärer Aktivitäten 1930 alle öffentlichen Positionen entzogen, und er konzentriert sich ausschließlich auf die Fotografie.