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09.09.2018

Mut zur Eigenwilligkeit: Plädoyer für konstruktiven Umgang mit Pforzheims gebauter Umwelt

Pforzheim ist eine charaktervolle Stadt. Wenige Komponenten an ihr sind gefällig, behaglich und nett, dafür aber kantig, herb und kontrovers. Diese als Kompliment gemeinte Feststellung birgt in sich ein lang schlummerndes Potenzial für Pforzheims Stadtentwicklung. Wenn nicht jetzt, wann dann wird dieses Potenzial ausgeschöpft?

Die Kulturwissenschaften attestieren der gegenwärtigen Gesellschaft eine Sehnsucht nach dem Authentischen, dem Echten, nach Identität, ja eben nach Charakter; der digitale Wandel wird für dieses Gefühl verantwortlich gemacht. Auch deshalb kaufen wir Bio, praktizieren Yoga, machen Fahrradtouren oder erwerben uns Vintage- oder Retro-Mobiliar.

Es sollte nicht darum gehen, einem Trend hinterherzulaufen. Dennoch könnte Pforzheim, allein durch die Entdeckung seiner selbst – einer Mischung aus Rohheit und Bodenständigkeit – von der Authentizitätssehnsucht profitieren. Denn Pforzheim könnte eine prägnante, eigenwillige Identität haben, würde sie diese selbstbewusst nach außen tragen und dabei ihre Wesenszüge kultivieren. Vielleicht würden sich gerade die vermeintlich unbequemen und verwahrlosten Seiten als die wahren Schätze entpuppen; der Wandel des Ruhrgebiets erzählt beispielhaft davon.

Drei Flüsse fließen durch Pforzheim, und der Schwarzwald liegt direkt ums Eck. Unterschiedlichste Menschen bringen kulturelle Vielfalt nach Pforzheim. Außerdem existieren eine renommierte Design-Hochschule und eine lange Schmucktradition. Architektur und Städtebau aus den 1950er- bis 70er-Jahren machen die Stadt zu einer Unverwechselbaren, die Unternehmensdichte ist beachtlich.

Fällt bei dieser bestimmt lückenhaften Aufzählung nicht ein großes Potenzial verschiedener Aspekte und deren möglicher Synergieeffekte auf? Man braucht keine Affinität für Marketing, um daraus zukunftsfähige, unkonventionelle Konzeptideen für Kooperationsprojekte verschiedener Sparten entwickeln oder Schlüsse für Pforzheims Corporate Identity ziehen zu können. Die Gründung des EMMA Kreativzentrums könnte noch immer eine richtige Richtung weisen, in die eine Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 genauso zielen würde. Für eine nachhaltige Profilschärfung Pforzheims wäre eine Stadtentwicklung durch die Realisierung freier, kleinteiliger Architekturwettbewerbe naheliegend, um die Stadt unter ganzheitlich gedachten baukulturellen Gesichtspunkten weiterzuentwickeln. Ökonomisch motivierte Investorenwettbewerbe wie beim Projekt Innenstadtentwicklung-Ost versprechen einer Stadt meist nur kurzfristigen ökonomischen Profit. Eine ganz andere Profilschärfung ließe sich in einer Zusammenarbeit von Industrie, Kultur und Politik finden – etwa mit einem Label für Produkte, unter dem in Pforzheim entworfenes und produziertes Design vermarktet würde. Doch kann Pforzheim überhaupt seine von der Norm abweichenden Identitäten akzeptieren, oder möchte sich die Stadt lieber völlig neu erfinden? Wie soll Pforzheim in 50 Jahren sein?

In Anbetracht menschlicher Bedürfnisse nach Erinnerung, Stabilität, Identifikation und Prozesshaftigkeit wäre anzuraten, dass diese Stadt ihre Eigentümlichkeiten annimmt. Und das erfordert endlich den Mut zum Bruch mit zwei hartnäckigen Tendenzen: Weichspülerei oder Tabula rasa. So gehört das „goldige“ Image Pforzheims glanzvollen vergangenen Zeiten an, nicht jedoch der Gegenwart. Und der tief verankerte Pforzheimer Abrisskult, von dem auch die Innenstadtentwicklung-Ost Gebrauch machen möchte, ist zwar tief verankert (bereits 1905 wurde das Flößerviertel eingeebnet und in den 1920ern barocke Fachwerkhäuser am Marktplatz abgerissen), spätestens die Folgen des Zweiten Weltkriegs sollten uns aber eines Besseren belehrt haben.

Überhaupt erst Akzeptanz des real in der Gegenwart Existierenden lässt nachhaltige Veränderungen zu. Der Authentizitätstrend zeigt es auf: Selbst für die Unmutigen wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, eine stadtplanerische Basis für die Zukunft zu schaffen, die sich für eine Entwicklung aus dem Status quo heraus öffnet und Pforzheim organisch wachsen lässt. Selbst dann, ja gerade dann, gäbe es viel zu tun.

Lydia Schubert ist 1989 in Pforzheim geboren, studiert Kunstwissenschaft, Philosophie und Ausstellungsdesign an der HfG Karlsruhe und schreibt ihre Magisterarbeit über den Trend zu natürlichen Materialien in der Gegenwartsarchitektur. Sie initiierte den Projektraum LAF, kuratiert Ausstellungen und beschäftigt sich mit den Themen Kunst, Architektur und Gesellschaft.