760_0900_98588_Ingo_Appelt_rdf350_kl_02294.jpg
Singt mit der verrußten Reibeisenstimme des italienischen Liedermachers Paolo Conte: Ingo Appelt am Klavier.  Foto: Frommer 

Nach allen Seiten kräftig ausgeteilt: Ingo Appelt im Osterfeld

Pforzheim. Bei der ARD spielt Ingo Appelt längst in der ersten Liga; er zählt seit März 2014 in schöner Regelmäßigkeit zum Tross von Dieter Nuhr. Auf der Mattscheibe ist Ingo Appelt (52) mit seinem kompakten Vortrag Teil eines politischen Kabaretts – bei seinem Solo-Gastspiel im von 325 Zuschauerinnen und Zuschauern besuchten Kulturhaus Osterfeld verlässt sich der Essener Komiker vorzugsweise auf eher schlüpfrige Themen, die zuverlässig funktionieren.

Meist jedenfalls: Seiner wiederholten Aufforderung ans männliche Pforzheimer Publikum, „Ich bin ein Matschei“ (Appelts Kunstwort aus „Macho“ und „Weichei“) zu skandieren, verweigert sich die Zuhörerschaft hartnäckig. Dennoch steht der Saal am Ende des Auftritts geschlossen, feiert den Auftritt Appelts mit kräftigem Beifall und ringt dem routinierten Comedian eine Zugabe ab.

Der Unterschied zwischen Appelts Darbietungen auf der Mattscheibe und seinem aktuellen Solo-Programm lässt sich mit einem kurzen Beispiel plakativ veranschaulichen: Hier wie dort konstatiert er mit Blick auf die SPD: „Der Kahn säuft ab. Andrea Nahles sollte sich in Andrea Doria umbenennen.“ Im Osterfeld fügt er ins Lachen der Zuschauer noch rasch hinzu: „Find ich ’nen schönen Namen: A-Nahles“.

Fast gewohnheitsmäßig bekommen bei Ingo Appelt Männer und Frauen ihr Fett weg, tendenziell die Männer mit der gröberen Kelle: „Der frisch verliebte Mann ist ein biologisches Verarschungsprogramm“, eröffnet Appelt zu Beginn des zweiten Teils den Zuhörern. Er warnt die Frauen im Saal: „Wenn du ’nen Mann vergötterst, hast du am Ende Erdogan und Trump zu Hause auf dem Sofa.“ Gefragt seien bei den Damen heute Dienstleister, macht er deutlich, um gleich darauf die Liedtexte der Band Revolverheld zu geißeln: „Der hört mit ihr angeblich Platten, die er nicht mag. Arme Sau!“.

Zu großer Form läuft Appelt auf, als er einmal quer durch die Promiriege parodiert: Til Schweiger als Nick Tschiller, den von Präparator Gunter von Hagens in Eierlikör konservierten Udo Lindenberg, den Bundes-Jogi, den unvermeidlichen Herbert Grönemeyer, Horst Seehofer, Helmut Kohl, Michael Mittermeier und gegen Schluss am Piano die rettungslos verrußte Reibeisenstimme des italienischen Singer-Songwriters Paolo Conte.

Bleibt als Fazit: Der nach allen Seiten austeilende Appelt und seine Statements sind und bleiben letztlich Geschmackssache. Seine Fan-Gemeinde jubelt, wenn er auf Männlein und Weiblein, auf Promis oder sich selbst verbal eindrischt. Oder wenn er sein Publikum wieder einmal mit einer haarsträubenden Zote am Zwerchfell packt. Irgendwie wird man bei Appelt das Gefühl nicht los, dass er genauso wenig aus seiner Haut kann wie der von ihm kurz als Karrierehelfer genannte Länderpunkte-Tuttifrutti-Moderator Hugo Egon Balder.

Wie dem auch sei: Appelts Publikum ist gereift und meidet längst geschlossen das dünne Eis bei wie aus der Pistole geschossenen Fragen. Etwa: „Wer ist denn von der AfD hier? Wer ist Ossi? Hand hoch! Franken da? Oder wer ist Nazi?“ Genial sind und bleiben die Wortspiele die Appelt aus diesem Frage-Stakkato generiert und in den Saal röhrt. Beispiel: „Das sind Kreisverkehr-Nazis: Rechts rein. Rechts raus.“