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Ab 27. Juli soll in den deutschen Kinos Disneys „Mulan“ anlaufen. Doch bis dahin kann die Pforzheimer Kinofamilie Geiger auf das Leinwandspektakel nur hoffen. 

Nach wochenlangen Schließungen dürfen erste Kinos wieder öffnen: Warum in Pforzheim noch auf Vorgaben der Landesregierung gewartet wird

Pforzheim. Bislang musste man sich über einen Kinobesuch nicht wirklich viele Gedanken machen. Nun aber verändert die Corona-Pandemie auch unsere Zeit im Kino. Bundesweit haben die ersten Lichtspielhäuser schon wieder geöffnet, darunter einige in Hessen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, Am Mittwoch und Donnerstag folgen Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Auch das grün-schwarze Kabinett der baden-württembergischen Landesregierung hat am Dienstag Lockerungen für den 1. Juni beschlossen, von denen vor allem Kinos und Theater profitierten. Öffentliche Veranstaltungen mit festen Sitzplätzen für weniger als 100 Menschen sind dann erlaubt. Voraussetzung dafür ist, dass die Hygiene- und Abstandsvorgaben wegen des Coronavirus eingehalten werden. Wie die allerdings in den Kinos umgesetzt werden sollen, das fragt sich nicht nur der Chef der Pforzheimer Kinobetriebe Michael Geiger.

Die Sitzplätze

Dramatisch ist die Situation, was die Sitzplätze angeht. Paare und Freunde dürfen bei gemeinsamer Buchung zwar nebeneinandersitzen, allerdings müssen dann nach derzeitigen Regeln 1,5 Meter Abstand zu den nächsten Besuchern eingehalten werden. Das bedeutet, dass mehrere Plätze daneben, davor und dahinter frei bleiben und nicht von anderen Gästen belegt werden dürfen. Sitzplätze sind fest zugewiesen. Wie die Kinos das bei Buchungen genau regeln, ist noch nicht überall geklärt.

„Zwischen den Sitzen, die als Zweier-Blöcke online buchbar sind, sind entsprechende Sitzplätze für den geforderten Abstand blockiert und bleiben frei“, schildert etwa Cinemaxx-Geschäftsführer Frank Thomsen.

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Der Chef der Pforzheimer Kinobetriebe Michael Geiger rechnet damit, ab 27. Juli Disneys „Mulan“ zeigen zu können.

Die Kinos hoffen allerdings, dass sich diese Abstandsregeln noch einmal verändern werden. Denn wenn es bei 1,5 Metern Abstand bleibt, kann ein Saal nach Angaben der Verbände HDF Kino und AG Kino maximal zu 20 oder 25 Prozent ausgelastet werden. Die Mehrzahl der Plätze bleibt leer: „Wenn zwei Plätze belegt sind, müssen zwölf frei bleiben“, sagt Christine Berg vom HDF.

Für Geiger bedeutet das ganz klar: „So können wir unsere großen Kinosäle nicht betreiben.“ Denn ohne hohe, meist hundertprozentige Auslastung am Wochenende würden die schlechteren Besuchstage unter der der Woche nicht ausgeglichen.

„Das heißt aber auch, dass von den Verleihern keine wichtigen neuen Filme an den Start gehen werden“, befürchtet er.

Geiger rechnet eigentlich damit, ab 16. Juli Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller „Tenet“ und ab 27. Juli Disneys „Mulan“ zeigen zu können. Laut Christian Bräuer von der AG Kino wäre schon ein Meter Abstand – wie in Österreich – eine Verbesserung, weil dann immerhin jede Reihe besetzt werden könnte. „Dann wäre ein Schachbrettsystem denkbar, bei dem zwar jede Reihe, die Plätze aber versetzt und nicht direkt hintereinander belegt werden.“

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Die Alternative

Ob sich die Öffnung der großen Säle im Cineplex an der Zerrennerstraße lohnen wird? Eine Frage, die Michael Geiger momentan nicht beantworten kann. Was geht: Die beiden neuen Säle „Geiger’s Blue and Black“ im Rex an der Bahnhofstraße, denn hier lassen sich größere Sitzabstände leichter realisieren. Der Kinochef denkt darüber nach, in diesen Premiumkinos die Arthouse-Reihe mit ausgewählten Filmen fortzusetzen.

Die Veränderungen

Zum Kino gehen, sich von der freundlichen Mitarbeiterin an der Kasse den Saalplan zeigen lassen und in Ruhe überlegen, wo man am liebsten sitzen möchte: Das gehört wohl erst einmal der Vergangenheit an. Stattdessen bitten die Kinos – auch in Pforzheim – ihre Kunden darum, die Karten online zu kaufen. Die gewünschte kontaktlose Ticketprüfung ist in den Geiger-Kinobetrieben bereits seit langem eingeführt.

An den Bars und Theken der Kinos soll es wie gehabt Getränke und Snacks zu kaufen geben. Allerdings wird es wegen der Hygienevorschriften ähnlich wie in Supermärkten und anderen Geschäften anders sein als bisher. Das bedeutet in den meisten Fällen: mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz anstehen und bestellen.

Ob man auch während des Films die Gesichtsmaske tragen muss, ist noch nicht in allen Bundesländern klar geregelt. Bei Cinemaxx heißt es, dass die Maskenpflicht lediglich beim Ein- und Auslass in die Kinosäle und bei Toilettenbesuchen während der Vorstellungen gilt.

„Sobald im Saal der zugewiesene Sitzplatz eingenommen wurde, darf die Maske abgenommen werden.“

Kommunales Kino: Kooperation und Kreativität als Erfolgsmodell

Lange geplant, alles gut vorbereitet, und dann kommt es ganz anders, als gedacht. Schon seit Ende 2018 hatte Christine Müh, seit April 2008 Geschäftsführerin des Kommunalen Kinos, über ein Sabbatical nachgedacht und die Realisierung akribisch geplant. Die Vollblut-Cineastin, unter deren Leitung sich das Kommunale Kino zu einer wichtigen Institution im Pforzheimer Kulturbetrieb entwickelt hat, wünschte sich eine Auszeit, um Energie für neue Herausforderungen zu tanken. Diese kamen mit Corona schneller als gedacht.

Die fertige Jahresplanung wurde weitgehend zu Makulatur, und kreative Ideen waren gefragt, um Strategien für die Krise zu entwickeln. Müh wollte ihr Team, auf das sie große Stücke hält, in dieser schwierigen Situation nicht allein lassen und hat den Beginn ihres Sonderurlaubs von Januar auf Anfang Juni verschoben.

Das KoKi besteht aus zwei Körperschaften, dem Trägerverein zur Förderung der Kinokultur und einer gGmbH, die ihm gehört. Alle Beteiligten, neben Müh der Vorsitzende des Trägervereins, Frank Neubert, seine Stellvertreter Hartmut Wagner und Mahena Weik, Theaterleiter Martin Koch und Buchhalterin Ingeborg Vetter, sind in den vergangenen Wochen noch enger zusammengewachsen.

Sie zeigen eindrucksvoll, dass mit Kooperation und Kreativität die Krise gemeistert werden kann. In Rekordzeit wurde in Kooperation mit den Pforzheimer Filmbetrieben Geiger das Autokino auf dem Messplatz sehr erfolgreich realisiert. Zur Zeit werden Gespräche mit dem Stadttheater über ein gemeinsames Format geführt. Und 25 Jahre Open-Air-Kino im Kulturhaus Osterfeld sollen im Sommer möglichst mit einer besonderen Veranstaltung gefeiert werden.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin

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