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Kunsthistorikerin Regina Fischer legt letzte Hand an die Ausstellung in der Pforzheim Galerie.  Foto: Meyer 

„Nachlese“: Ausstellung mit Werken von Dieter Freymark vorerst nur digital

Pforzheim. Muss man mit 81 Jahren zurückblicken? „Ja“, sagt Fero Freymark, „aber auch nach vorne. Wie durch ein Fenster.“ Wie sehr ihn sein Lebensweg, seine Familie gerade in Zeiten von Corona beschäftigt, das lässt sich ebenso eindringlich wie nachvollziehbar an der Ausstellung „Nachlese“ der Pforzheim Galerie erfahren. Die spannt einen weiten Bogen – vom kleinen Holzschnitt „Heilige Familie“ aus dem Jahr 1964 bis zu aktuellen Werken, in denen sich der Künstler mit dem Bauhausjubiläum auseinandersetzt. Nicht chronologisch, sondern thematisch gehängt, zeigt die von Regina Fischer kuratierte Schau, was Fero Freymark geprägt hat, was ihn beschäftigt, was ihn ausmacht. Und immer schimmern die Lebensstationen durch.

Die Jugend

Beginnen wir von vorne: mit der Hommage an den Großvater – mit den Familiengeschichten. Während des Kriegs bei den Großeltern in Westpommern aufgewachsen, erlebt er das Meer hautnah. Freymark stammt aus einer alten Baumeisterfamilie, der Großvater Johannes Westphal besitzt eine Werft. Jahrzehnte später entsteht die Fundstückskulptur „Werft Schichau Danzig“, in der dort gesammelte Schiffsbauteile eine spannende Einheit eingehen. Erinnerungen an die Mutter, die täglich in der Ostsee schwimmt, manifestieren sich in einer feinen Zeichnung: verästelte Linien, die die (Meeres-)Tiefe und die (Horizont-) Weite spüren lassen. Motive, die ihn begleiten, ob in schönen kleinen Aquarellen von der Normandie oder großformatigen Gemälden.

Die Impressionisten

1954 besucht der junge Dieter Freymark mit seinem Vater eine Ausstellung mit Werken von Cézanne und van Gogh in München. Der Vater, Bauingenieur, will ihn anhand der Fotos der bärtigen Gesellen überzeugen, einen Brotberuf anzustreben. Was nicht wirklich gelingt. Und so zeugen in der jetzigen Ausstellung eine ganze Reihe von Gemälden von Freymarks Faszination für die Impressionisten: zarte, oft pastellige Töne mit Meer und Himmel in den „Hommagen an Claude Monet“.

Die Bauhütte

Es ist ein kleiner, sehr persönlicher Raum mit Erinnerungsstücken, der eine wichtige Lebensphase dokumentiert: Fotos mit Professor Werner Ruhnau, vom Rohbau des Theaters Gelsenkirchen, von einer gehbehinderten Ministerin, die auf einer von Freymark konstruierten Stuhltrage sitzend die neuen Räume besichtigt. Dazwischen das so typische intensive Yves-Klein-Blau eines 65 Quadrameter großen Reliefs, an dem Freymark mitarbeitet. Er ist 1958 dort Praktikant, die Firma des Vaters baut am Theater und der 19-Jährige soll für das Architekturstudium begeistert werden. Doch er wird Teil der aktuellen Kunstszene, wird – fließend Französisch sprechend – Assistent des berühmten Yves Klein, erlebt, wie ganz im Sinne des Bauhauses Kunst und Leben sich durchdringen. Architektur oder Kunst? Für die Ruhnau-Gruppe ist das kein Gegensatz: Verbinde beides, ist ihr Ratschlag an den jungen Mann, den er ein Leben lang befolgen wird. Und der auch zu seiner erneuten Beschäftigung mit den Formen und Farben des Bauhauses führt, wie die Gemälde aus dem Jahr 2019 dokumentieren.

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Bildergalerie

Ausstellung „Nachlese“ in der Pforzheim Galerie

Das Studium

Von 1961 bis 1966 studiert Freymark Architektur an der Technischen Universität in München. Prägender Einfluss ist jedoch die Plastikfachklasse von Professor Fritz Koenig. 1962 besuchen die Studenten Dachau – und der junge Künstler gestaltet das Wettbewerbsmodell „Rampe Dachau“, das neben anderen Wettbewerbsarbeiten nun ausgestellt ist. Der Stacheldrahtzaun mit Hochspannungsleitung, Linien, die zu dreidimensionalen Strukturen werden, sich durchdringen. Auseinandersetzung mit dem Raum beginnt – ob in seinen feinen Metallskulpturen der „Stühle“-Reihe, seinem massiven „Haus des Bildhauers“ (2015) oder seinen überraschenden Materialbildern vom Treppenhaus des Museums Of Modern Art in New York.

Das Atelier in der Provence

1965 ist Freymark – zusammen mit seinem Vater – in Pforzheim angekommen, arbeitet als Architekt, gründet eine Familie. Und ist begeisterter Langläufer. 1973 entdeckt er die Provence, erläuft sie sich, schafft einen künstlerischen Freiraum: 60 Tage im Jahr verbringt er im Atelier in Gordes, fasziniert von den Stein- und Ockerbrüchen, von den Formationen der Mauern, von Ocker, Sand und Erde, die er für seine Materialbilder gewinnt. Er sieht „fertige Skulpturen“ in diesen Landschaften, die er für sich umsetzt. Aber auch die Natur in der Bretagne fordert seine Kunst heraus, etwa in der Skulptur „Der große Stein von Guénolé“, in der fast kubische Elemente in perfekter Balance den Raum bilden. Frankreich schätzt und ehrt den Deutschen, nimmt ihn in die Société des Artistes Français auf, würdigt ihn 2007 mit einer Bronze- und 2009 mit einer Goldmedaille im Salon im Grand Palais in Paris.

Der Neuanfang

Im Jahr 2000 haben Fero Freymark und seine Frau, die Cellistin Ute Pohl, den Wunsch nach Veränderung: Sie verkaufen alles, das Atelier in der Provence, die Häuser in Stuttgart und Pforzheim. Und sie entdecken ein Grundstück in Weissach-Flacht, auf dem das neue Wohn- und Atelierhaus entsteht. Freiräume für zahlreiche künstlerische Projekte, von der Großskulptur bis zu den kleinen „Erzählkästen“, die dem Betrachter ein Schmunzeln entlocken. Etwa „Der Nachtfalter“, eine Assemblage mit einem Paar roter Platteausandalen, gefunden in Stuttgarts Bohnenviertel.

Die Gegenwart

Bis 30. Mai 2021 ist die Ausstellung in der Pforzheim Galerie verlängert worden, um möglichst vielen Kunstfreunden den Besuch – auch mit Kuratorin Regina Fischer – zu ermöglichen. Bis zur Wiedereröffnung der Räume lässt sich die Schau digital genießen. Pandemiebedingt konnte die Ausstellung in der Pforzheim Galerie nicht geplant am 11. November eröffnet werden. Stattdessen zeigt das Kulturamt eine digitale Vernissage. In Online-Videos sprechen Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler und der Künstler Fero Freymark jeweils ein Grußwort. Anschließend führt Kuratorin Regina Fischer in die Ausstellung ein.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin

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