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Die Video-Installation „Feast“ (links) im A.K.T; ergründet den russisch-orthodoxen Brauch des Eisbadens und seine mediale Wirkung – wie ein Triptychon auf mehreren Ebenen.  Foto: Meyer 

Neue Ausstellung „Risikogruppen“ in Pforzheim eröffnet: Dokumentarfilmerin hinterfragt brisante Themen

Pforzheim. Besuchsverbote in Seniorenheimen, Maskenpflicht, Kampagnen, die zum Zuhausebleiben aufrufen – die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sollen besonders gefährdete Menschen schützen. Corona rückt aber auch Gruppen in den Fokus, die die Situation besonders hart trifft, etwa die Leiharbeiter in deutschen Schlachtbetrieben. Eine ganze Industrie ist zum Brennpunkt geworden, mit Firmen wie Tönnies, Westfleisch und Müller Fleisch. Die oft unzumutbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten sind schon lange bekannt, rücken nun aber ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

In ihrer Ausstellung im A.K.T; (Alfons-Kern-Turm), reflektiert die Dokumentarfilmerin Yulia Lokshina diese und andere „Risikogruppen“ unserer Gesellschaft. Der Begriff „wurde in den letzten Wochen sehr aufgeladen.Wir hatten das Gefühl, dass wir ihn noch einmal öffnen und schauen sollten, welche Risikogruppen es in unserer Gesellschaft gibt und wer eigentlich welche Form von Risiko trägt“, sagt die 33-Jährige. Lokshina ist Absolventin der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Ihre Filme und Video-Installationen werfen Fragen auf nach Rechtsstaatlichkeit, unserem Zusammenleben, Glauben, Ökonomie, Konsum, Wachstum und sozialer Fairness.

Nach „Dämonkratie“ und „Meat the Future“ hat Janusz Czech, künstlerischer Leiter des A.K.T;, kurzfristig erneut eine Ausstellung an Land gezogen, die politisch und gesellschaftlich dringende Debatten mit den Mitteln der Kunst hinterfragt, reflektiert und kommentiert. „Die Corona-Zeit fordert heraus, darüber nachzudenken, was uns wichtig ist“, sagt er. Ein Diskurs darüber, wie wir unsere Gesellschaft verbessern wollen, sei gerade jetzt wichtig. Czech schätzt, wie Lokshina Bilder erzeugt, politische Subkontexte setzt und mit Menschen arbeitet, ohne sie zu kategorisieren.

Weil Lokshina den Film „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ (siehe Infokasten) vor dem Kinostart am 22. Oktober in der Ausstellung nur im Rahmenprogramm zeigen darf, hat sie die Installation „Zwischenfälle“ erarbeitet. Sie greift das Thema der prekär Beschäftigten in Fleischfabriken auf und rückt die realen Betriebsunfälle mit fiktiv-dokumentarischen Texten des russischen Schriftstellers Daniil Charms in einen neuen Kontext.

Wer die Ausstellung besucht, muss sich auf die meist 30-minütigen Filme einlassen – und Zeit mitbringen. Die Video-Installation „Feast“ (2017) dreht sich – wie ein Triptychon auf drei Ebenen – um die körperliche Erfahrung und spirituelle Idee der Sündenbefreiung Gläubiger beim Eintauchen ins eisige Wasser eines Moskauer Kanals. Militärische Ausbildung, Glaubensunterricht, Singen patriotischer Hymnen: Gedreht auf der Insel Sachalin, wirft „Tage der Jugend“ (2016) einen Blick auf ein Jugendlager.

Versöhnung und Verantwortung: In „After War“ suchen Vietnam-Kriegsveteranen einen Umgang mit ihren Traumata und den Herausforderungen der Gegenwart. Was ist der Unterschied zwischen realer und drohender Gefahr? Die mit der Künstlerin Angela Stiegler produzierte Arbeit „Subjective Hill“ wird präsentiert in einem strahlend weiß ausstaffierten „Kuschelraum“ – ein herber Kontrast zu den simulierten Konfliktszenarien auf dem Bildschirm. Im „Madlab“ im Obergeschoss setzen sich Pforzheimer Hochschulstudenten schließlich mit der Schau auseinander.

Die Ausstellung eröffnet am Donnerstag, 19 Uhr, mit einer Vernissage auf der Plattform Zoom und im A.K.T; an der Theaterstraße 21. Sie ist bis 2. August zu sehen – mit Maske und maximal 15 Personen. Donnerstag bis Freitag 15 bis 19 Uhr, Samstag 15 bis 21 Uhr, Sonntag 11 bis 19 Uhr. Die Schau ist auch digital mit 3D-Scans und einigen Filmen unter www.akate.de zu sehen.