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In der „Komposition VII“ von 1913 herrscht bei Wassily Kandinsky schon die Abstraktion vor.  Fondation Beyeler
In der „Komposition VII“ von 1913 herrscht bei Wassily Kandinsky schon die Abstraktion vor. Fondation Beyeler
In „Murnau/Kohlgruberstrasse“ sah das bei Kandinsky fünf Jahre früher anders aus.
In „Murnau/Kohlgruberstrasse“ sah das bei Kandinsky fünf Jahre früher anders aus.
Macke: „Walterchens Spielsachen“.
Macke: „Walterchens Spielsachen“.
„Die gelbe Kuh“ von Franz Marc aus dem Jahr 1911.
„Die gelbe Kuh“ von Franz Marc aus dem Jahr 1911.
09.09.2016

Neue Ausstellung der Schweizer Fondation Beyeler in Riehen

In einer neuen Ausstellung der Schweizer Fondation Beyeler in Riehen bei Basel steht eine der faszinierendsten Künstlergruppen der Moderne im Zentrum: der „Blaue Reiter“. Wassily Kandinsky und Franz Marc waren nicht nur die Hauptprotagonisten der Bewegung. Sondern auch so etwas wie die umtriebigen Impresarios des Projekts, durch das München auf der Weltkarte der modernen Kunst auftauchte. Anfang 1911 hatten sie sich dort kennengelernt. Noch im selben Jahr ging eine von ihnen organisierte Ausstellung auf Tournee durch elf europäische Städte. Ein Jahr später erschien der Almanach „Der Blaue Reiter“, dessen Titel der losen Künstlervereinigung den Namen gab. Für die Redaktion des Buchs waren Kandinsky und Marc verantwortlich.

Kurze Blüte

Die Riehener Ausstellung erzählt jetzt die Geschichte des „Blauen Reiters“ von den Anfängen im Jahr 1908, als Kandinsky und Gabriele Münter aus Paris kommend in München eintrafen, bis zur Auflösung 1914, als der beginnende Erste Weltkrieg die Künstler in alle Welt zerstreute. Es ist eine beeindruckende Schau geworden. Die beiden Russen Kandinsky und Alexeij von Jawlensky mussten Deutschland verlassen, Marc und August Macke fielen an der Westfront.

Ausgehend von Werken aus der Sammlung der Fondation, illustriert die Ausstellung mit rund 90 Exponaten die rasante Entwicklung der Künstler: die revolutionäre Wendung von der Wirklichkeitsabbildung zur Abstraktion. Besonders deutlich wird diese Entwicklung in den Werken Kandinskys und Marcs.

Die Schau kann mit einer Reihe von Hauptwerken beider Künstler aufwarten – wie Kandinskys „Landschaft mit Regen“ aus dem New Yorker Guggenheim Museum oder den grandiosen „Großen blauen Pferden“ von Marc aus Minneapolis. Flankiert werden ihre Schöpfungen durch Spitzenwerke anderer Künstler der Vereinigung wie August Mackes „Große Promenade“ von 1914 und Gabriele Münters stimmungsvolle und farbintensive „Landschaft mit Hütte im Abendrot“.

Im Zentrum der Schau ist ein ganzer Saal speziell dem Almanach „Der Blaue Reiter“ gewidmet. In einer multimedialen Installation werden dort den Abbildungen von Kunstwerken in sieben aufgeschlagenen Ausgaben des Almanachs die Originale gegenübergestellt – Werke von Hans Baldung Grien, Henri Rousseau oder Robert Delaunay – oder eine chinesische Gouache mit Fabeltieren, ein japanischer Farbholzschnitt oder eine Gesichtsmaske aus Gabun.

In Murnau südlich von München, wo Gabriele Münter ein Haus gekauft hatte, begannen sie und Kandinsky, in leuchtenden, ungemischten Farben Bilder mit intensivfarbigen flächigen Formen zu malen. Schon die bilddominierende weiße Gebirgswolke in Kandinskys „Landschaft bei Murnau mit Lokomotive“ ist revolutionär. In seinen „Impressionen“ und „Improvisationen“ tritt dann die gegenständliche und figürliche Welt mehr und mehr zurück.

Selbst in Werken der abstrakten Phase freilich kehrt hier und da noch Kandinskys geliebtes Reitermotiv wieder. In der „Improvisation 35“ oder der „Komposition VII“ ist dann aber jede Erinnerung an die Realwelt getilgt.

Auch Franz Marc, der hauptsächlich mit seinen Tierbildern bekannt wurde, wandelte auf der Straße der Abstraktion – eine wenig beachtete Facette seines Schaffens. Eine Zwischenstation auf dem Weg zur Abstraktion ist die Geometrisierung des Bildraums mittels Symmetrie oder die Verwendung kubistischer Elemente. Die weichen, Kreisformen sich annähernden Formen der Tierleiber in „Stute mit Fohlen“ oder den „Großen blauen Pferden“ sind fast wie mit dem Zirkel gemalt. Die spektral zerlegten Pferde in „Stallungen“ von 1913 – es ist sein letztes Tierbild überhaupt – verschwinden dann fast in der geometrischen Anlage. Und muss man in einem anderen Werk das Titel gebende schlafende „Reh im Walde I“ in einer Umgebung aus farbigen Formen förmlich suchen, hat die „Kleine Komposition“ von 1913 bereits jedwede Verbindung zur Realwelt aufgekündigt.