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Frank Werner hat sich für einen ungewöhnlichen Beruf entschieden: Bestatter. Foto: Ketterl
Giulia Montini unterstützt Jugendliche als Sozialarbeiterin. Foto: Ketterl
Viele Pforzheimer wollen die Fotos und die dazugehörigen Menschen kennenlernen. Foto: Ketterl
Ihsan Tarakci arbeitet als Muay-Thai-Trainer bei der Uwe-Hück-Stiftung. Foto: Ketterl
Sie alle haben Anteil an der Ausstellung von Sebastian Seibel (Zweiter von rechts): Maria Ochs vom Osterfeld, die beiden Redner Claudia Baumbusch und PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht sowie Katinka Rabenseifner (von links). Foto: Ketterl
22.09.2016

Neue Ausstellung von PZ-Fotograf Sebastian Seibel: „Helden des Alltags“

Pforzheim. Als Pressefotograf kann Sebastian Seibel nicht gerade wählerisch sein bei der Auswahl seiner Motive. Da gibt es hochoffiziöse Termine mit händeschüttelnden Menschen, später eine große Veranstaltung, spontan noch einen Unfall, der abgelichtet werden muss. Und manchmal ist auch Zeit da für die Bilder, die Seibel am meisten Freude bereiten: Porträts.

Es ist schon gute Tradition, dass sich der Fotograf ein Thema sucht, viel Herzblut und Freizeit opfert – und die dann entstandenen Werke der Öffentlichkeit präsentiert. So auch jetzt wieder.

Bildergalerie: PZ-Fotograf Sebastian Seibel: "Helden des Alltags"

Bei der Eröffnung von Seibels neuer Ausstellung „Mit uns läuft’s rund – Helden des Alltags“ im Foyer des Kulturhauses Osterfeld herrscht gespanntes Drängeln; neugierige Blicke mustern die großformatigen Bilder. Viele der Porträtierten sind selbst gekommen, sehen sich groß und in Farbe, hochoffiziell an der Wand.

Unter der Oberfläche

Es sind eben „Helden des Alltags“. Mitglieder solcher Berufe, die man gern mal vermisst; wo der Glanz zu fehlen scheint, das Besondere – und er sich bloß unter der Oberfläche befindet. „Man kann sie übersehen“, sagt die Kunsthistorikerin Claudia Baumbusch bei ihrer Einführung: die Bestatter, Altenpfleger, Putzfrauen. Die Müllmänner, Tierpfleger und Hausmeister. Aber man sollte es nicht. Denn ohne sie? – „würde nichts ohne ihren unermüdlichen, fleißigen und selten gut dotierten Einsatz funktionieren“, sagt Baumbusch. Seibel hat eine Beziehung aufgebaut zu jedem der 31 Porträtierten. Im Alltag muss das in Sekunden gehen. Bei seiner neuen Serie hat er sich mehr Zeit genommen, als ihm sonst in der „Terminschlacht des Alltags“ – so PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht in seiner Begrüßung – bleibt: Eine Stunde gab es für Jeden.

Mit Hilfe der Osterfeld-Mitarbeiter Kathinka Rabenseifer und Mirko Vogelgesang, im eigens eingerichteten Atelier nähert sich Seibel den Menschen: Fragen stellen, plaudern – abdrücken. Vielleicht ist es ihm besonders gut gelungen, eine Verbindung herzustellen zu den Helden, weil Porträtierte und Porträtierer in einem zusammenkommen: Normalerweise stehen sie nicht im Rampenlicht. Auch Seibel nicht. Er ist hinter der Linse, nie davor, will es auch nicht sein. Wie fremd wäre ihm das, selbst das Rampenlicht zu suchen? Aber wie leer wäre diese Zeitung ohne seine Bilder?

Jetzt steht er doch einmal im Fokus, wie seine Motive. Denn die will er ganz persönlich ins Licht rücken. Nicht bloß einen Müllmann unter vielen; nicht bloß zeigen, dass es da Menschen gibt, die sich morgens die Hände schmutzig machen, während drinnen im Haus gefrühstückt wird. Sondern den bestimmten, ganz individuellen Menschen: Philippe Rouyat. Jahrgang 1952. Von Paris nach Pforzheim gekommen – und geblieben. Was steckt schon jetzt für eine Geschichte darin?

Wie erreicht Seibel, dass da auf einmal bloß der Mensch vor einem steht, keine Nummer mehr, kein Rädchen im Alltagsgetrieben? Seibel hat die Helden herausgelöst aus ihrem Alltag. Da ist kein Müllauto mehr, kein Gestank, keine Straße, kein angestrengtes Stemmen der Tonnen. Nur noch Leichtigkeit vor dem grauen Hintergrund, vor dem Rouyat erst so richtig als er selbst erscheint. Einmal im Rampenlicht – er hat es verdient.

Faszinierende Geschichten

Wer mit weiteren Helden spricht, merkt schnell: Sie wollen gar nicht im Fokus stehen, aber einmal im Jahr da tut das schon gut. Und: Viele haben eine faszinierende Geschichte. So wie Frank Werner. Der war eigentlich Bäcker. Doch dann: Mehlstauballergie. Er sattelt um. Wählt ein Beruf, mit dem viele nichts zu tun haben wollen: Bestatter. Und auf den dann doch jeder angewiesen ist. Wie findet es Werner, sich so zu sehen da oben, an der hellen Wand und mit den Menschen, die ihn anschauen, sich fragen: Ist er das? „Das ist schon ein komisches Gefühl“, verrät er. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt.“ Das tun sie wohl alle nicht, die Helden des Alltags, verdient aber haben sie es schon.