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Fast 1000 Zuhörer genossen den musikalischen Sommerabend im Innenhof des Kulturhauses Osterfeld.
Nina Hagen, die „Godmother of Punk“, wird in Pforzheim mit stehenden Ovationen gefeiert. Fotos: Seibel
31.07.2015

Nina Hagens kunterbuntes Programm beim Sommersprossen-Festival im Osterfeld

Pforzheim. Nina Hagen gastiert zum Auftakt des Sommersprossen-Festivals erstmals in der Goldstadt. Undfast 1000 Zuschauer wollen sich ihren Auftritt im Innenhof des Kulturhauses Osterfeld nicht entgehen lassen. In ihrem typischen Outfit – Riemchen-Stilettos, papageienbunten Leggins, kurzem Rüschenröckchen, rot-weiß gestreiftem Oberteil und Blumen in den Haaren – zelebriert die Kultsängerin das Jubiläum-Repertoire ihrer Rock- & Gospel Tour: überwiegend deutschsprachige Lieder von Bertolt Brecht bis Matthias Claudius, Gospel und Übersetzungen amerikanischer Country-Songs wie „This World Is Not My Home“ von Jim Reeves, das bei ihr „Ich bin hier nicht zu Hause“ heißt. Jeder Titel gerät in Nina Hagens unnachahmlicher Art zu einer durchaus spannenden Gratwanderung zwischen echtem Engagement und schriller Persiflage.

Einerseits erinnert die aus Ostberlin stammende Allround-Künstlerin mit einem Wolf-Biermann-Song an den 1963 ermordeten Briefträger und Bürgerrechtler William Lewis Moore aus Baltimore, der mit mehreren Fußmärschen und einem Schild „Equal Rights For All Men“ „(Gleiches Recht für alle Menschen“) gegen den gewalttätig praktizierten Rassismus in den Südstaaten der USA protestierte. Anderseits reimt Hagen nahtlos „Down By The Riverside“ an „Schwerter zu Pflugscharen“ und verkauft dem Pforzheimer Publikum das Ganze als alttestamentarisches Spiritual.

Als Band ihrer Tour treten im Osterfeld auf: Warner Poland an der Gitarre, Fred Sauer an den Keyboards, Marcellus Puhlemann am Schlagzeug und der erst am Vorabend aus Portugal eingeflogene Björn Werra am Bass. Leider wirkt die Formation kaum eingespielt und erhält von der „Godmother of Punk“ wenig Freiheiten für eigene instrumentale Soli oder Fill-Ins. Fast schon scheint die Band damit ausgelastet, den musikalischen Kapriolen ihrer Sängerin schnell genug folgen zu können. Am Prinzip, der Star beginnt, die Band setzt später ein, halten Hagen und ihre Musiker über weite Strecken fest, oft auch am gleichen Rhythmus und Klangbild. Momente, in denen beim Publikum der Wunsch zu tanzen oder wenigstens Lust am Mitschnippen aufkommt, sind entsprechend rar gesät.

Endlos tiefe Stimme

Dessen ungeachtet überzeugt Nina Hagen mit ihrer inzwischen geradezu endlos tiefen Stimme und mit dem das Konzert wie ein roter Faden durchziehenden Bekenntnis für Rassengleichheit und gegen Krieg. Sprachlich oszilliert die frühere Punk-Rock-Diva zwischen Berliner Dialekt, Englisch und Jüdisch – bei den Songs „Hava Nagila“ zu Beginn und „Jerusalem“ gegen Ende des Konzerts.