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Das Theater zeigt: Die Einwohner Palmyras fühlten sich der griechisch-römischen Kultur verbunden. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat es für Enthauptungen und eine Kreuzigung benutzt.  Sharifulin
Das Theater zeigt: Die Einwohner Palmyras fühlten sich der griechisch-römischen Kultur verbunden. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat es für Enthauptungen und eine Kreuzigung benutzt. Sharifulin
30.03.2016

Oase der Vielfalt: Der IS hat Palmyra zerstört – ein Buch zeigt, wie die Stadt einst war

Palmyra. Quirlig ging es in Palmyra vor fast 2000 Jahren zu. Händler, Soldaten, Reisende kamen aus allen Teilen des Römischen Reiches in die prachtvolle Oasenstadt. Palmyra lebte eine multikulturelle Vielfalt. Die Bewohner „waren stolz darauf, echte Römer geworden zu sein – und blieben doch sie selbst“, schreibt der französische Historiker Paul Veyne (85) in seinem Buch „Palmyra – Requiem für eine Stadt“.

Im Mai 2015 nahm die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Stadt ein, sprengte den fast 2000 Jahre alten Baal-Tempel, zerstörte die einzigartigen Grabtürme und die Säulenkolonnaden. Im antiken Amphitheater ließ der IS hinrichten und enthauptete und kreuzigte den 81-jährigen Chefarchäologen Khaled Assad. Zehn Monate später haben Regimetruppen die islamistischen Fanatiker aus dem Unesco-Weltkulturerbe vertrieben. Zurück ließ der IS die Ruinen der Ruinen. Was genau überdauert hat, steht noch nicht fest. Schon gibt es Stimmen, die auf eine Rekonstruktion der zerstörten Bauten drängen.

Der Franzose Veyne stellt solche Forderungen nicht auf. Er lässt stattdessen in seinem Buch vor dem inneren Auge die Oasenstadt wiederauferstehen, für die Toleranz zum Selbstverständnis gehörten. Das „kulturelle Patchwork“ Palmyra verkörperte alles, was der IS verabscheut. „Der Reichtum an Mischungspotenzial war rekordverdächtig“, schreibt Veyne. In der Oasenstadt kamen das alte Mesopotamien, das aramäische Syrien, Phönizien, Persisches und Arabisches zusammen. Und die Klammer waren die griechische Kultur und die römische Politik.

Als „Fremdenführer durch die Vergangenheit“ erzählt Veyne von orientalischen Festmählern, Patrizierhäusern mit kunstvollen Mosaikböden, der Verehrung von 50 Gottheiten von Baal bis Isis. Sein Buch hat Veyne der Zerstörungswut der radikalen Islamisten des 21. Jahrhunderts entgegengestellt. „Wer nur eine einzige Kultur, nämlich seine eigene, kennt und auch nur die kennen will, der verdammt sich selbst, unter einer Käseglocke zu leben.“