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Viel Jubel in Stuttgart für Frank Castorfs Inszenierung des Liebesdramas um Doktor Faust und Margarethe. Foto: Weißbrod
Viel Jubel in Stuttgart für Frank Castorfs Inszenierung des Liebesdramas um Doktor Faust und Margarethe. Foto: Weißbrod
02.11.2016

Ode an das frivole Leben: Castorfs „Faust“ am „Opernhaus des Jahres“ in Stuttgart bejubelt

Stuttgart. Fulminanter Spielzeit-Start am „Opernhaus des Jahres“: Die Staatsoper Stuttgart hat mit einem von Kultregisseur Frank Castorf inszenierten „Faust“ das Publikum zum Jubeln gebracht. Der 65-Jährige brachte das Liebesdrama um Doktor Faust und Margarethe zur süffigen Musik von Charles Gounod (1818–1893) in einer zwielichtigen Pariser Straßencafé-Szene auf die Bühne (von Aleksandar Denic) – mit einem teuflischen Mephistopheles, der das Paar mit Verjüngung, Luxus und Champagner-Rausch verführt.

Castorf, Intendant der Volksbühne Berlin, inszeniert den Klassiker mit fein abgestimmter Videoregie (Martin Andersson) als eine Art Ode an den Trieb, an die Sexualität und an das frivole Leben. Anders als bei Goethe, den sich Castorf zum Abschluss seiner letzten Spielzeit in Berlin noch vornehmen wird, interessiert sich dieser Faust bei Gounod aber gar nicht dafür, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Das alles spielt an der Pariser Metrostation Stalingrad, die an die blutigste russische Schlacht im Zweiten Weltkrieg erinnert – als Sinnbild der Hölle, in der Margarethe am Ende versinkt.

Dieses boulevardesk sündhafte Miniatur-Paris mit Lotterleben in Dachkammern und in einem Café samt altmodischer Telefonzelle durchlebt eine Zeitreise bis ins Jetzt. Hier mischen sich Welt und Halbwelt. Juwelenglanz, Luxussucht und Varieté treffen auf Soldaten in Tarnfleck-Uniformen mit Kalaschnikow-Gewehren. Es fließt Blut.

Kritik am Kapitalismus

Neben der tragischen Liebesgeschichte beschäftigt Castorf noch etwas anderes: Er sieht die Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – im Konsumrausch einer roten Coca-Cola-Welt erstickt. Es ist seine Kritik an jenen, die Demokratie sagen, aber Kapitalismus meinen.

Und er erweitert das Libretto um Verse Arthur Rimbauds über Prostitution und die „Erhechler des Wohlstands“. Aber das Korsett der Partitur, die Marc Soustrot am Pult fest im Griff hat, lässt dem als Stücke-Zertrümmerer bekannten Castorf wenig Raum zum Ausbrechen für das, was ihn sonst umtreibt: die Entpolitisierung des Menschen und den Sinn der Demokratie, die alles und nichts bedeute, wenn sie nicht mit Haltung gefüllt werde, wie er selbst sagt.

So bleibt der dreieinhalbstündige Abend nah am Werk – zur Freude des Publikums. Bravo-Rufe und Applaus satt – oft auch nach einzelnen Szenen – gab es für den strahlend hellen Tenor Atalla Ayan aus Brasilien in der Titelrolle, für den darstellerisch eindrucksvollen jungen Bass Adam Palka als dämonischer Verführer Mephistopheles und für den hochkonzentrierten Chor von Johannes Knecht. Für Mandy Fredrich in der Rolle der von Faust missbrauchten Margarethe flogen am Ende Rosen aus dem Publikum auf die Bühne.

Mit der ersten „Faust“-Inszenierung seit 60 Jahren in der Schwabenmetropole feierte Castorf auch sein Operndebüt in Stuttgart. Am Schauspielhaus hatte der Berliner zuletzt Andrej Platonows Revolutionsroman „Tschewengur“ auf die Bühne gebracht.