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Özcan Cosar: spartanisch der Auftritt – und scharf die Worte. Foto: Roller
Özcan Cosar: spartanisch der Auftritt – und scharf die Worte. Foto: Roller
13.05.2019

Özcan Cosar und der Mittelalter-Zug nach Chemnitz im Osterfeld

Pforzheim. Die alten Zeiten waren entspannter. Früher hatte man noch kein Smartphone, kein WhatsApp, kein Instagram. Da gab es Telefone. Özcan Cosar vermisst diese Zeiten. „Man hat mehr miteinander geredet“, sagt er. Und es musste nicht alles perfekt sein. Keine Bilder „mit 500 Filtern“ und keine Smart Homes, in denen „die Mikrowelle weiß, was der Staubsauger macht“. Der Comedian ist enttäuscht von der Technologie. Groß geworden ist er mit Filmen wie „Jurassic Park“ oder „Zurück in die Zukunft“. Filme, in denen Autos durch die Luft fliegen konnten. „Und was haben wir? Diesel-Skandal.“

Im Kulturhaus Osterfeld analysiert Cosar am Freitagabend das Zeitgeschehen – unverkrampft, politisch nicht immer ganz korrekt. Und er erzählt aus seinem Leben. Von seiner Mutter, die unbedingt wollte, dass er später einen Job macht, in dem er einen Anzug trägt. Von seiner Arbeit als Kellner, von seiner Ausbildung zum Sportlehrer, von seiner Tätigkeit in einem Fitnessstudio für Besserverdiener – und von seinem Entschluss, hauptberuflich Comedian zu werden, der allerdings einen Haken hatte: Die Anmeldung bei der Künstlersozialkasse. Bis die seinen Antrag bearbeitet hatte, musste er sich arbeitslos melden – und zur Arbeitsagentur gehen, die ihn prompt zum Bewerbertraining verdonnern wollte. Aber nicht mit ihm: „Bewerbung schreiben ist wie Arschkriechen durch die Blume.“ Noch schlimmer sind nur Personaler, die einen beim Vorstellungsgespräch analysieren, alles über die eigenen Stärken und Schwächen wissen wollen. „Was soll ich da sagen? Bei Blondinen werde ich schwach?“ Nicht das einzige, über das Cosar sich aufregen kann. Genüsslich zieht er über die Respektlosigkeit in so mancher Diskothek her, über selbst ernannte Wahrsager und über Castingsendungen. Cosar findet deutliche Worte – auch gegen den aufkeimenden Rassismus. „Wenn ich ins Mittelalter reisen will, steige ich einfach in den Zug und fahre nach Chemnitz.“ Aber das Jammern ist Cosars Sache nicht. Er hat einen Lösungsvorschlag: Kulturaustausch. „Wir müssen aufeinander zugehen“, sagt er zu seinem bunt gemischten, multikulturellen Publikum, kurz bevor er seinen Auftritt nach mehr als zwei Stunden beendet.