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Mit dem Einfluss des Isenheimer Altars auf das Werk von Otto Dix befasst sich die umfangreiche Ausstellung im Unterlinden-Museum.  Pfäfflin/Musee unterlinden
Mit dem Einfluss des Isenheimer Altars auf das Werk von Otto Dix befasst sich die umfangreiche Ausstellung im Unterlinden-Museum. Pfäfflin/Musee unterlinden
Parallelen: der Christus in der Auferstehungs-Tafel des Isenheimer Altars.
Parallelen: der Christus in der Auferstehungs-Tafel des Isenheimer Altars.
„Der heilige Christopherus II“, gemalt im Jahr 1938 von Otto Dix.
„Der heilige Christopherus II“, gemalt im Jahr 1938 von Otto Dix.
Innige Beziehung: „Madonna mit Kind“ von Matthias Grünewald.
Innige Beziehung: „Madonna mit Kind“ von Matthias Grünewald.
Innere Emigration: Dix malt 1943 die „Madonna im Wald“.
Innere Emigration: Dix malt 1943 die „Madonna im Wald“.
Körper voller Wunden: Detail aus der „Versuchung des heiligen Antonius“.
Körper voller Wunden: Detail aus der „Versuchung des heiligen Antonius“.
Im Jahr 1946 malt Dix sein Bild des „Hiob“ aus dem Alten Testament.
Im Jahr 1946 malt Dix sein Bild des „Hiob“ aus dem Alten Testament.
Detail der Kreuzigung: die Hand des gemarterten Christus.
Detail der Kreuzigung: die Hand des gemarterten Christus.
Ausschnitt aus dem „Bildnis des Juweliers Karl Krall“ von 1923.
Ausschnitt aus dem „Bildnis des Juweliers Karl Krall“ von 1923.
07.10.2016

Otto Dix und der Isenheimer Altar stehen im Zentrum der Ausstellung

Otto Dix ist im Südwesten wahrlich kein Unbekannter, beherbergt das Kunstmuseum Stuttgart doch eine umfangreiche Sammlung. Doch der Blick, den die Ausstellung im Unterlinden-Museum in Colmar auf sein Werk lenkt, ist sensationell. Denn erstmals wird augenfällig, wie sehr die Tafeln des Isenheimer Altars sein Schaffen beeinflusst haben, wie nahe die Bilder von Dix (1891–1969) den Motiven von Matthias Grünewald (um 1475/1480 bis 1528) sind.

Und wie sehr beide Maler in Zeiten des Grauens mit ihrer Kunst Trost spenden können. Seit sechs Jahren beschäftigt sich Kuratorin Frédérique Goerig-Hergott mit dem Thema, hat intensiv nach Bildern gefahndet, die die Verbindung der beiden deutschen Maler aufzeigen. Zu sehen sind nun auf 800 Quadratmetern rund 100 Werke von Dix, die zum Teil noch nie ausgestellt waren. Und natürlich der Isenheimer Altar, der an seinem angestammten Platz in der Kirche des ehemaligen Dominikanerinnenklosters seine ungebrochene Faszination ausübt.

Altmeisterliche Malerei

„Hier wurde der erste Expressionist der Kunstgeschichte, wie Grünewald oft bezeichnet wird, von einem zeitgenössischen Expres-sionisten entdeckt“, sagt Goerig-Hergott. Dix kommt wohl schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kontakt mit dem Grünewald-Werk, beinhaltet seine Bibliothek doch einige Biografien des Malers. Ob er die Ausstellung des Altars in München (1918/1919) besucht hat, lässt sich nicht mehr nachweisen, sichtbar sind die Einflüsse des Isenheimer Altars allerdings schon in seiner ersten expressionistischen Periode, etwa in der kraftvollen Pietà von 1913. Die Schrecken seines Fronteinsatzes im Ersten Weltkrieg verarbeitet Dix nicht nur formal oft in Anlehnung an die Altarbilder, sondern auch technisch: Seine Werke in Tempera und Öl sind in eben jener Lasurtechnik gemalt, die auch Grünewald bevorzugte. Und dienen Dix dazu, seine kühle, präzise Darstellungsweise der Neuen Sachlichkeit zu entwickeln.

„Es ist kaum möglich für mich, über Grünewald-Einflüsse hinauszukommen“, schreibt Otto Dix 1943 an Ernst Busche. Da ist er längst schon verfemt, in der inneren Emigration, malt am Bodensee Landschaften und religiöse Motive, die der Bildwelt seines großen Vorbilds entsprungen zu sein scheinen.

Und ganz unfreiwillig kommt er Grünewald und seinem Isenheimer Altar noch ganz nahe: Im März 1945 wird Dix als 53-Jähriger zum Volkssturm eingezogen, kämpft in den letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Und gerät am 18. April in Kriegsgefangenschaft – in Colmar-Logelbach. Dort erkennt der französische Kommandant den berühmten deutschen Maler und gewährt ihm inmitten der rund 7000 Gefangenen des Lagers große Freiheiten. Er darf malen, sogar außerhalb im Atelier des Colmarer Künstlers Robert Gall (1904–1974). Und er steht vor dem Isenheimer Altar – „ein gewaltiges Werk von unerhörter Kühnheit und Freiheit“, schreibt er am 15. September 1945 an seine Frau Martha. In den Monaten bis zu seiner Rückkehr im Februar 1946 nach Hemmenhofen entstehen rund 50 Zeichnungen und mindestens 25 Gemälde, darunter auch sein letztes Triptychon, die „Madonna vor Stacheldraht“.

Chronologisch-thematisch aufgebaut, lässt sich nun in Colmar die ganze künstlerische Bandbreite von Otto Dix erleben – im Jahr seines 125. Geburtstags und im 500. Jahr der Entstehung des Isenheimer Altars.