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Imposant: Stamatia Gerothanasi (Leïla) sowie Mitglieder von Chor und Extrachor des Theaters Pforzheim. Foto: Haymann
Olivier Desbordes
14.02.2019

PZ-Interview über Bizets „Perlenfischer“: „Aus gemeinsamer Neugierde entstanden“

Das Theater Pforzheim wird immer internationaler: Nach Gastspielen des Balletts in China und Schweden kooperiert das Musiktheater nun mit den französischen Regisseuren Olivier Desbordes und Eric Perez.

Sie inszenieren für das Stadttheater und das Festival de Saint-Céré in der französischen Region Okzitanien Georges Bizets Oper „Die Perlenfischer“, die am Samstag in Pforzheim Premiere hat. Desbordes und Perez schildern im Interview ihre Sicht auf Bizets erste große Oper. Generalmusikdirektor Markus Huber ergänzt den musikalischen Teil.

Bildergalerie: "Die Perlenfischer" feiern Premiere im Theater Pforzheim

PZ: Worum geht es in dieser Oper, deren Handlung auf der Insel Sri Lanka angesiedelt ist?

Eric Perez: Es ist die Geschichte eines verliebten Trios: Zwei Jungen, die das gleiche Mädchen lieben. Olivier und ich hatten die Idee, da es sich um ein Jugendwerk handelt, von der Jugend der Protagonisten – Bizet war 25, als er die Oper komponierte – auszugehen. Drei junge Menschen, die sich lieben – und daraus entwickeln sich Probleme. Das könnten drei Jugendliche aus Pforzheim sein. Sie projizieren ihr wahres Leben in einen Traum.

Olivier Desbordes: Sie projizieren ihre Beziehung in ein kindliches, fantastisches Universum, wie etwa in Fritz Langs Film „Der Tiger von Eschnapur“. Dieses Universum ist hier Indien, es könnte aber auch ganz woanders sein. Es gibt dem Ganzen eine traumhafte Färbung, die so nicht im Text steht. Sie erlaubt uns aber, auf der Bühne und innerhalb der Inszenierung Dinge zu erzählen, die zwar nicht unbedingt logisch sind, aber eine Stimmung erzeugen. Wir wollten die Geschichte nicht mit Folklore oder Bollywood überladen.

PZ: Wie die Perlenfischer auf den Meeresgrund tauchen, um die kostbaren Muscheln zu bergen, tauchen wir in die Tiefen eines Traumes?

Perez: Ja, bis zum Grund des Traumes und gleichzeitig auch auf den Grund unserer eigenen Persönlichkeit. Was man dort entdeckt, kann auch Angst machen.

PZ: Wie haben Sie die Arbeit bei dieser gemeinsamen Regie aufgeteilt?

Desbordes: Was Eric und mich vereint, ist der Film. Wir sind absolute Kinoliebhaber. Meine Hauptinspiration kommt besonders vom deutschen Stummfilm und dem Expressionismus.

Perez: Nachdem Olivier Desbordes parallel für das Festival „Pariser Leben“ von Jacques Offenbach inszeniert hat und jetzt zu den Endproben wieder da ist, wird es gut sein, dass er jetzt noch einmal auf das Stück schaut. Nach den vergangenen Wochen stecke ich schon zu tief in der Materie. Olivier hat ein gutes Gespür für Zusammenhänge, er kann gut einen Bogen über das Ganze spannen. Und er entwickelt die Vision, das Konzept. Ich arbeite gern mit den Darstellen Details heraus, die Gefühle, die Charaktere. Wir haben die gleichen Auffassungen und die gleiche Sichtweise von Theater.

PZ: Wie kommt es zur Kooperation mit dem Festival de St.-Céré, dessen Leiter Desbordes ist?

Desbordes: Aufgrund der guten Kontakte des Intendanten Thomas Münstermann und unserer gemeinsamen Neugierde auf künstlerische Zusammenarbeit ist diese Kooperation entstanden. Das Festival habe ich 1980 in Frankreich gegründet, um Oper an einen sehr ländlichen Ort zu bringen. Die andere Ausrichtung besteht darin, jungen Sängern eine Möglichkeit zu geben, künstlerische Erfahrungen zu machen. Durch die Verbindung dieser zwei Stränge ist ein Opern-Festival entstanden, zu dem im Sommer rund 15.000 Zuschauer kommen

PZ: Wer wird in Frankreich „Die Perlenfischer“ singen?

Perez: Unsere Leïla kennen wir, seit sie sehr jung ist und das ist sie immer noch: Serenad B. Uyar. Sie singt auch an der Staatsoper Berlin und der Deutschen Oper am Rhein. Der Tenor, den wir bei einem Vorsingen entdeckt haben, heißt Mark Van Arsdale. Den Bariton, Zurga, wird ein Künstler aus dem Theater Pforzheim singen: Paul Jadach.

PZ: Die Inszenierung wird in Frankreich unter freiem Himmel zu sehen sein. Wann und wo?

Perez: In diesem Sommer spielen wir mindestens viermal in Saint-Céré in der Burgruine des Château de Castelnau-Bretenoux – eine ganz besondere Atmosphäre. Im Herbst geht die Produktion dann auf Tour: zweimal in Clermont-Ferrand und einmal in Vichy.

PZ: Herr Huber, was ist das Besondere an der Musik dieser Oper?

Markus Huber: Das Wunderbare ist ihre klare Schönheit. Ich habe schon lange kein Stück mehr dirigiert, das mir eine solche Freude gemacht hat. Die Klarheit durchzieht auch den Gesang, es wird ganz ehrlich gesungen. Zuerst dachte ich, das müsste französisch, also weich, dirigiert werden. Aber wir artikulieren jetzt scharf. Mit dem jugendlich-dramatischen Hintergrund der Musik entsteht eine große Dynamik.

PZ: Haben Sie die Musik verändert?

An manchen Stellen habe ich retuschiert, das ist nötig und möglich, weil die Partitur nicht erhalten geblieben ist. Wir haben beispielsweise Glöckchen hinzugefügt, um die hinduistischen Gesänge zu unterstreichen. Das Instrument Guzla hat Bizet imitierend mit einer Oboe nachgeahmt. Aber eigentlich ist es ein Saiteninstrument aus dem Balkan. Deshalb arbeiten wir an einer Stelle mit modifiziertem Celloklang. Der Exotismus im 19. Jahrhundert hat es ja nicht so genau genommen, ob indisch oder türkisch. Und so haben wir uns auch einige Freiheiten genommen.

Für die Premiere am Samstag, 16. Februar, 19.30 Uhr, gibt es noch Restkarten. Internet: www.theater-pforzheim.de