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Es geht wieder los: Intendant Thomas Münstermann freut sich auf den Start in die neue Spielzeit.
Es geht wieder los: Intendant Thomas Münstermann freut sich auf den Start in die neue Spielzeit.
16.09.2016

PZ-Interview: Die neue Saison des Theaters Pforzheim

Seit zehn Tagen herrscht am Theater wieder Hochbetrieb. Denn heute Abend hebt sich der Vorhang zur ersten Produktion, der gleich in den kommenden Tagen weitere Premieren folgen werden. Die PZ sprach mit Intendant Thomas Münstermann über die neue Saison, seine Pläne und die Erkenntnisse aus seinem ersten Jahr als Chef der Bühne.

PZ: Was erwarten Sie beziehungsweise wünschen Sie sich von der neuen Spielzeit?

Thomas Münstermann: Ich wünsche mir, dass wir die Verbindung zu unserem Publikum, zu den Menschen hier, weiter verstärken. Und wir Menschen in dieser Stadt von uns überzeugen können, die das Theater bislang für nicht so wichtig empfunden haben. Dass auch ihnen klar wird: Theater ist ein notwendiger Teil des Lebens, der Kultur und der sozialen Wirklichkeit.

PZ: Welche Auswirkungen – auch personeller Art – haben die drastischen Finanzkürzungen der Stadt?

Thomas Münstermann:Es sind ja 600 000 Euro, die wir in diesem Jahr einsparen müssen. Wir sind dadurch gezwungen, Stellen abzubauen. Ich weiß nicht, wie viele Ämter oder Behörden in der Stadt Menschen entlassen müssen: Wir werden es tun. Und wir müssen im Gäste-Etat noch zurückhaltender sein mit den Ausgaben. Unsere Arbeit muss darin bestehen, dass wir versuchen, noch mehr über Vertrauen und Bindung der Künstler ans Haus die Qualität sicherzustellen. Auch mit weniger Geld. Nur irgendwann geht das nicht mehr.

PZ: Wie zufrieden waren Sie mit der vergangenen – Ihrer ersten – Saison in Pforzheim, was die künstlerische Qualität, aber auch die Akzeptanz des Publikums angeht?

Thomas Münstermann:Eigentlich sehr zufrieden. Wenn ich die Statistik anschaue, dann haben wir einige Vorstellungen weniger gespielt als unsere Vorgänger. Das liegt aber daran, dass wir mehr Abstecher gemacht haben – also viel mehr unterwegs waren. Wir haben dadurch insgesamt mehr Zuschauer erreicht und im Haus in allen Sparten die Auslastung gesteigert. Sehr erfreulich: im Ballett sogar um zehn Prozent. Im Schauspiel haben wir tatsächlich eine sachte Steigerung von etwas über zwei Prozent zustande gebracht. Ich bin froh, dass wir dem Abwärtstrend nicht gefolgt sind. Im Musiktheater haben wir uns ja sowieso gut geschlagen. Mit den Produktionen bin ich im Großen und Ganzen zufrieden – und auch mit dem Zusammenwachsen des Ensembles. Wir haben allerdings zum Teil so qualitätsvoll engagiert, dass Kollegen uns bereits nach der ersten Spielzeit wegengagiert wurden. Ivan Krutikov, unser Nabucco, hat einen Festvertrag in Bonn angenommen – das ist ein Riesensprung für ihn. Anna-Maria Kalesidis macht jetzt in Innsbruck „Rusalka“. Das ist eben der Fluch der guten Tat. Aber wir haben auch wieder interessante neue Leute gefunden.

PZ: Und wie sieht es bei den Einnahmen aus?

Thomas Münstermann:Wir haben in der letzten Spielzeit sehr viel gearbeitet. Das ging an die Grenzen von uns allen. Den Erfolg, den wir damit hatten, müssen wir in dieser Spielzeit bestätigen. Aber wir müssen uns ein wenig konsolidieren. Natürlich auch, weil wir dachten, wenn wir die Einnahmen steigern – was uns um 200 000 Euro gelungen ist – diese Summe nutzen können, um das Haus personell besser auszustatten. Jetzt müssen wir das Geld in den städtischen Topf zurückgeben. Das ist bitter, zumal wenn man mit derselben Mannschaft zweieinhalbmal so viele Abstecher macht wie vorher. Und wenn die Ansage von mir kam, wir werden uns dem anpassen, dann können wir das nun nicht machen. Weil die gesamten Bedingungen der Stadt das nicht mehr hergeben. Das war schon eine Enttäuschung. Manches hat uns wehgetan. Auch so manche fehlende Solidarität aus dem sozialen Bereich.

PZ: Gibt es im Rückblick eine Produktion, die für Sie Maßstäbe gesetzt hat?

Thomas Münstermann:Natürlich fällt mir als Erstes das „Nabucco“-Projekt ein. Und die Begeisterung, die es erzeugt hat. Wir haben die Oper jetzt ausverkauft vom Spielplan abgesetzt. 29 Mal haben wir „Nabucco“ in der vergangenen Spielzeit aufgeführt – so oft wurde hier noch nie eine Oper gespielt. Und bundesweit wurde auch keine Oper 29 Mal in nur einer Spielzeit gezeigt. Das ist ein Sensationserfolg, an dem wir alle zusammen beteiligt sind. Und zwar mit unserem Publikum. Weil die Menschen darauf eingestiegen sind: die einen, weil sie mitgemacht haben, die anderen, weil sie in diesem Mitmachen sich auch als Publikum wiedergefunden haben.

PZ: Kann man eine so erfolgreiche Beteiligung fortsetzen?

Thomas Münstermann:Ja, allerdings nicht gleich zu Beginn der Spielzeit. Aber wir haben das in verschiedenen Formen geplant. Die Beteiligung derer, die bei uns ehrenamtlich – das heißt, ohne Geld – mitwirken, wird nicht weniger werden. In der „Dreigroschenoper“ beispielsweise werden die Ganoven von Migranten gespielt, und Bürgerchöre wird es in verschiedenen Produktionen geben. Vor allem in der Oper „Cardillac“, wo ein großer Chor gefordert ist, werden auf jeden Fall mit Laiensängern arbeiten.

PZ: Welche Wiederaufnahme wird es geben?

Thomas Münstermann:Ganz klar, die „Blues Brothers“, die verkaufen sich wie geschnitten Brot und werden deshalb auch jetzt gleich wieder gezeigt. „West Side Story“ nehmen wir dann in der Weihnachtszeit wieder auf. „Lucia di Lammermoor“ kommt wieder, weil wir die Oper sehr erfolgreich als Abstecher verkauft haben. Das verbessert unsere Situation im Herbst total, denn jetzt haben wir Angebote für den Freiverkauf, die wir in der vergangenen Saison nicht hatten.

PZ: Wie ist derzeit der Stand bei den Abo-Zahlen? Sind die Kündigungen zum Spielzeitende schon kompensiert?

Thomas Münstermann:Es sieht sehr gut aus. Wir haben von den Vorgängern ein Minus von rund 200 Abonnenten übernehmen müssen. In dieser Spielzeit haben wir den normalen Satz von Abmeldungen, so rund 430 bis 450 – verzeichnen aber schon 360 Neuanmeldungen. Jetzt kommt zum Start nochmals ein großer Schwung, so dass es tatsächlich so aussieht – klopfen wir auf Holz –, dass wir zum ersten Mal seit Jahren die Abonnentenzahl wieder steigern können.

PZ: Bis Ende Oktober gibt es allein in Oper und Musical drei Premieren, dazu Schauspielpremieren, Proben und Events: Wie motiviert man sich für den harten Start der Saison?

Thomas Münstermann:Wir hatten sechs Wochen Urlaub und haben die Stücke für den Beginn dieser Spielzeit schon vorher geprobt. Weil wir einige Produktionen wieder aufnehmen, müssen nicht mehr alle so viel gleichzeitig machen. Und Motivation müssen wir nicht extra aufrufen. Wir sind Theaterleute, wir wollen ja spielen. Auch wenn es mal an die körperlichen Grenzen geht. Aber das geht uns doch allen so. Wir wollen uns hier nicht als Märtyrer der Gesellschaft hinstellen, denn das sind wir nicht.