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Sabine Bode wird am kommenden Montag um 201.5 Uhr bei der Thalia-Buchhandlung in Pforzheim lesen.  Berg
Sabine Bode wird am kommenden Montag um 201.5 Uhr bei der Thalia-Buchhandlung in Pforzheim lesen. Berg
18.03.2016

PZ-Interview mit Autorin Sabine Bode: „Indianerherz kennt keinen Schmerz“

Sie erlebten Bombenterror und Vertreibung, verloren früh den Vater und hatten immer das Gefühl, eine Last zu sein: die Kriegskinder. Erst jetzt, als alte Menschen, wird vielen von ihnen diese Vergangenheit richtig bewusst. Gerade in Pforzheim hat die Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen besonders viel durchlitten. Autorin Sabine Bode, die am Montag in der Thalia-Buchhandlung lesen wird, hat mit ihrem Bestseller „Die vergessene Generation“ aber auch die Kinder und Enkel im Blick, die mit diesen unverarbeiteten Traumata konfrontiert werden.

PZ: Sie selbst sind von 1947, sind also ein echtes Nachkriegskind?

Sabine Bode: Ja, wir, die 1947/48 Geborenen, waren sozusagen das Licht am Ende des Tunnels. Die Hoffnungsträger. Jeder Erwachsene, der mir, als ich Kleinkind war, entgegenkam, ist in die Knie gegangen und hat mich angesprochen und mir vielleicht was zugesteckt. Ich habe einfach das Grundgefühl mitbekommen, willkommen zu sein. Das haben meine Brüder – ’42, ‘43 und ‘44 geboren – überhaupt nicht.

PZ: Wie war es bei denen?

Sabine Bode: Die hatten das Gefühl, dass sie stören. Bei den Erwachsenen lagen die Nerven blank. Die konnten sich nicht auf die Kinder einlassen. Und das hat bei den Kindern zu einem grundsätzlichen Misstrauen geführt. Gerade die im Krieg Geborenen sind die am stärksten belastete Gruppe.

PZ: Aber das ist diesen Kindern später nie klar gewesen?

Sabine Bode: Sie hatten ja so gut wie keine Erinnerung an den Krieg. Ein Merkmal der früher geborenen Kinder ist, dass sie es geschafft haben, sich selbst zu beruhigen. „Indianerherz kennt keinen Schmerz.“ Wer noch in der Hitlerjugend war, hat mitgenommen, dass er hart wie Kruppstahl sein muss. Das ist diese Selbstbetäubung. Und die hat oft ein Leben lang angehalten – damit fehlte der emotionale Zugang zum Erlebten.

PZ: Das bricht im Alter dann mit Wucht wieder durch?

Sabine Bode: Ja, das Kurzzeitgedächtnis lässt nach, und damit drückt das Langzeitgedächtnis nach oben und die Vermeidungsstrategien funktionieren nicht mehr.

PZ: Wie geht das konkret vor sich?

Sabine Bode: Es kann so geschehen: Sie zappen abends, und dann kommt irgendein Kriegsereignis. Die Vertreibung im Kosovo. Der 11. September. Der Krieg in der Ukraine. Dann ist es da. Und dann können sie es nicht mehr steuern, dann ist das Trauma reaktiviert.

PZ: Aber eigentlich ist bei den meisten doch alles gut gelaufen?

Sabine Bode: Ja, genau, aber jetzt kommt das Entscheidende: Wir Menschen können Lebenskatastrophen gut verkraften. Aber: Sie müssen wissen, dass Sie etwas Schlimmes erlebt haben. Und das wissen die Kriegskinder in der Regel nicht. Das Neue dieses Themas ist ja nicht, dass Kinder im Krieg leiden, sondern dass wir in diesem Land eine große Gruppe von Menschen haben, die verheerende Erfahrungen gemacht haben, aber in der Regel nicht das Gefühl hatten, etwas Schlimmes erlebt zu haben. Erst im Alter taucht das auf.

PZ: Wie kann man das aufarbeiten?

Sabine Bode: Einige gehen in eine psychosomatische Klinik, andere haben die Idee – vielleicht unterstützt aus der Familie – diese Kindheit einmal zu rekonstruieren, die Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Das machen sogar sehr viele. Und das kann sehr hilfreich sein.