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Gelungene Fassadenrestaurierung: Die Häuser in der Westliche 277 werden bei der Denkmalfahrt besichtigt.
Gelungene Fassadenrestaurierung: Die Häuser in der Westliche 277 werden bei der Denkmalfahrt besichtigt.
Das Kollmar & Jourdan-Gebäude an der Bleichstraße, das auch die Pforzheim Galerie und die Carlo-Schmid-Schule beheimatet, hat seine farbigen Sprossenfenster zurückbekommen.
Das Kollmar & Jourdan-Gebäude an der Bleichstraße, das auch die Pforzheim Galerie und die Carlo-Schmid-Schule beheimatet, hat seine farbigen Sprossenfenster zurückbekommen.
Christoph Timm
Christoph Timm
04.12.2015

PZ-Interview mit Christoph Timm über Rechte und Pflichten eins Denkmalschützers

Er steht oft in der Schusslinie: Pforzheims Denkmalschützer Christoph Timm. Er erklärt im Interview, was man bei Baudenkmälern und denkmalgeschützten Fassaden zu beachten hat und welche Vorteile sich auch für Hauseigentümer ergeben

PZ: Denkmalgeschützte Fassade, welche Vorgaben gibt es an die Eigentümer und wie ist das Prozedere?

Christoph Timm: Bei denkmalgeschützten Objekten bedarf die Änderung des Erscheinungsbildes der Genehmigung durch die zuständige Denkmalschutzbehörde. Das Gleiche gilt für eine Beseitigung denkmalgeschützter Bausubstanz, zum Beispiel den Austausch von Fenstern. Das gilt nicht nur für Maßnahmen an straßenseitig sichtbaren Fassadenteilen, sondern – anders als oft kommuniziert – für das gesamte Objekt.

PZ: Wie lange dauert es, bis die Genehmigung erteilt wird?

Timm: Die Verfahrensdauer ist unterschiedlich. Dabei spielt der Umfang der zu klärenden konservatorischen und öffentlich-rechtlichen Belange eine Rolle, ebenso die Aussagequalität der eingereichten Unterlagen. Für die Genehmigung gilt das „Vier-Augen-Prinzip“: Die Untere Denkmalschutzbehörde ist im Konfliktfall weisungsgebunden und hat gemäß Denkmalschutzgesetz die Aufgabe, im Benehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege über den Antrag zu entscheiden.

PZ: Gibt es Zuschüsse?

Timm: Das Land trägt zum Mehraufwand bei der Pflege und Reparatur von Kulturdenkmalen durch Zuschüsse bei, und zwar nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel. Etliche Denkmaleigentümer nutzen darüber hinaus die beachtlichen steuerlichen Vergünstigungen, die das Einkommenssteuergesetz bei Investitionen in die Instandsetzung und Modernisierung denkmalgeschützter Bausubstanz vorsieht.

PZ: Was passiert, wenn der Eigentümer andere Vorstellungen als der Denkmalschützer hat?

Timm: Es empfiehlt sich, rechtzeitig im Vorfeld das Gespräch mit den zuständigen Ansprechpartnern zu suchen. Im Regelfall wird dazu ein Gesprächstermin vor Ort am Objekt vereinbart. Das Ziel der Denkmalschutzbehörden ist es, einen Konsens mit den Denkmaleigentümern zu finden. Dieser Konsens wird dann in Form der denkmalschutzrechtlichen Entscheidung für beide Seiten rechtsverbindlich festgehalten.

PZ: Was geschieht, wenn der Eigentümer eigenmächtig handelt und den Denkmalschutz vor vollendete Tatsachen stellt?

Timm: Gemäß Denkmalschutzgesetz handelt ordnungswidrig, wer vorsätzlich oder fahrlässig ohne Genehmigung der Denkmalschutzbehörden das Erscheinungsbild eines Kulturdenkmals beeinträchtigt oder denkmalgeschützte Substanz zerstört. Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 250 000 Euro, in besonders schweren Fällen bis zu 500 000 Euro geahndet werden.

PZ: Und wie lässt sich Denkmalschutz mit einer möglichen Wärmedämmung vereinbaren?

Timm: Zwar scheidet bei Baudenkmalen eine Dämmung der Hausfassade oft aus, doch bieten sich andere effiziente Möglichkeiten, um den Energieverbrauch zu senken. So ist eine Dachdämmung in der Regel genehmigungsfähig. Im Zweifel haben aber konservatorische und denkmalschutzrechtliche Belange Vorrang.

PZ: Immer wieder wird dem Denkmalschutz der Vorwurf gemacht, er würde zu restriktiv eingreifen. Stimmt das?

Timm: Der Denkmalschutz beinhaltet gewisse Restriktionen, wer wollte das bestreiten. Doch er befreit auch von normierenden Neubauvorschriften. Jene Eigentümer, die sich für den Erwerb eines Kulturdenkmals entscheiden, sehen sich oft ganz bewusst in der Rolle der „Schirmherren“: Sie sind es, die das kulturelle Erbe verantwortlich pflegen, nutzen, bewahren und genießen wollen.

PZ: Gibt es Beispiele, wo die Kooperation Denkmalschutz und Eigentümer besonders gut gelaufen ist?

Timm: Ausgewählte „Best-practice“-Beispiele stellt die Stadt Pforzheim einmal im Jahr im Rahmen der beliebten Denkmalrundfahrt vor. Eine gute Kooperation zwischen den Denkmaleigentümern und den Denkmalbehörden ist jenseits aller Schlagzeilen tatsächlich durchaus der Regelfall.

PZ: Welches sind besonders schön restaurierten Fassaden?

Timm: Eine Auswahl fällt schwer. Im Rahmen der diesjährigen Denkmalrundfahrten vorgestellt wurden zum Beispiel zwei Stadtwohnhäuser an der Westlichen Karl-Friedrich-Straße und in der Zähringerallee. Hervorgehoben sei auch das Fabrikgebäude Kollmar & Jourdan an der Bleichstraße, das zur Carlo-Schmid-Schule umgenutzt wurde und seine farbigen Sprossenfenster zurückerhielt.

PZ: Haben Sie aufgrund der Zinssituation und der zahlreichen verkauften Immobilien besonders viele Anfragen?

Timm: Seit der Finanzkrise 2008 sind die Fallzahlen bei der Unteren Denkmalschutzbehörde in Pforzheim um ein Drittel nach oben gegangen. Die Nachfrage nach attraktiven denkmalgeschützten Immobilien übersteigt inzwischen das Angebot.