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Unterhaltsame Fernseh- und Filmrollen machten sie bekannt: Marianne Sägebrecht. Nun trägt sie eher nachdenkliche Poesie vor. Foto: Privat
Unterhaltsame Fernseh- und Filmrollen machten sie bekannt: Marianne Sägebrecht. Nun trägt sie eher nachdenkliche Poesie vor. Foto: Privat
12.10.2017

PZ-Interview mit Marianne Sägebrecht über Hospizarbeit und Sterbebegleitung

Pforzheim. Mit ihrer „Litera-Tour“ gastiert am kommenden Samstag die Schauspielerin Marianne Sägebrecht beim Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim in der evangelischen Stadtkirche. Sägebrecht hat diese Lesung mit Musik für den Deutschen Hospiztag am 14. Oktober erarbeitet. Das Thema Sterbebegleitung ist der Künstlerin eine Herzensangelegenheit: Wer sich zu Lebzeiten auch sein eigenes Ende bewusst macht, lebt intensiver.

PZ: Frau Sägebrecht, beim Konzert ‚Poesie und Musik‘ stehen neben Goethe, Rilke und Oscar Wilde auch Gedichte von Hilde Domin auf dem Programm. Wie kam es zu der besonderen Textauswahl für das Konzert in Pforzheim?

Marianne Sägebrecht: Es sind alles Texte, die mir persönlich sehr viel bedeuten. Gerade Hilde Domins Lyrik, wie das Gedicht ‚Nur eine Rose als Stütze‘, liebe ich über alles. Von Friedrich Nietzsche habe ich das ‚Trunkene Lied‘ mit ins Programm aufgenommen. Darin fordert Nietzsche den Menschen auf, seine Lust nicht zurückzudrängen, sondern dem Schöpfer zu schenken. Auch von der jungen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, die von den Nazis verfolgt wurde und als 18-Jährige im Arbeitslager starb, habe ich einen Text aufgenommen: Sie benennt sehr ausdrucksstark das Eingesperrtsein und die Sehnsucht nach dem Geliebten. Ich finde, das passt zu all den Gedanken des Sterbens.

PZ: Man kennt Sie aus unterhaltsamen Rollen in Fernsehspielen, aber nicht unbedingt als lesende Schauspielerin. Wie kam es zu der Idee, etwas für den Hospiztag zu machen?

Marianne Sägebrecht: Ich habe zusammen mit dem Kabarettisten und Dichter Josef Brustmann und dem Sänger Andi Arnold ein Programm gestaltet. Wir kennen uns schon lange. Und Josef Brustmann, der einmal eine Laudatio auf mich halten sollte, merkte im Gespräch, dass ich für das Thema ‚Sterben und Tod‘ sehr zugänglich bin, weil es bei mir überhaupt nicht angstbesetzt ist. Er hatte sich deshalb bei mir geborgen gefühlt. Der Joseph ist eins von neun Kindern gewesen, ein Bruder verstarb jung, was ihn seelisch wohl sehr belastet hat. Er hat dann angefangen, Gedichte zu sammeln, die das oder Ähnliches ausdrücken, was seiner Last entsprach. Und dann fiel ich ihm wieder ein, und wir stellten das Programm auf die Beine, mit dem wir seit nunmehr sieben Jahren auftreten. Und Vorlesen – das mach’ ich sehr gern: Ich habe schon mit 13 Jahren unter dem Schutzmantel unseres Pfarrers in der Kirche, vor versammelter Pfarrgemeinde, ohne Angst die Episteln der Evangelisten gelesen.

PZ: Haben Sie eine Ahnung oder Vermutung, warum Sie für das Thema so zugänglich sind?

Marianne Sägebrecht: Als Kind in den Nachkriegsjahren habe ich oft mit meiner Freundin gespielt, deren Familie eine Landwirtschaft hatte. Als die Mutter starb und auf die andere Seite ging, da durften wir Kinder mit dabei sein. Das war eine Gnade. Ich sah, mit wie viel Frieden sie einschlief. Es war ein kurzer Moment, als ihr Kopf zur Seite fiel und die Augen schnell zugingen, und dann stellte sich ein Lächeln ein. Ich war da absolut angstfrei.

PZ: Als humorvolle, lebenslustige Künstlerin ist das alles bis heute für Sie also kein Tabu, im Gegenteil. Warum ist Ihnen denn die Sterbebegleitung, also Hospiz im engeren Sinne, so wichtig?

Marianne Sägebrecht: Die Vergebung ist wichtig. Solange man lebt, ist sie für die Gesundheit entscheidend. Man muss die schwarze Galle, die einen krank macht, aus dem Körper entfernen. So sagt es schon Hildegard von Bingen. Und bevor man in den Tod geht, ist das Vergeben – insbesondere das Sich-Selbst-Vergeben – noch mal für die Seele wichtig. Nur eine freie Seele kann rübergehen. Bestimmt geht das alles besser, wenn man dabei Begleitung hat. Oder zumindest, wenn es ein Angebot zur Begleitung gibt. Im Christopherus-Hospiz München bin ich seit etwa einem Jahr Patin. Ich gehe alle zwei Monate hin, allein und ruhig. Dann lese ich für die Menschen dort, und eine begnadete Geigerin spielt Musik von Bach. Wenn es gewünscht wird, halte ich die Hände. Das ist unglaublich schön und friedvoll.

PZ: Trotzdem werden im modernen Leben der Tod und das Sterben thematisch gern verdrängt. Die meisten Leute wollen doch vor lauter Lifestyle und Alltag damit gar nichts zu tun haben, oder?

Marianne Sägebrecht: Mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst hatte ich unlängst eine Lesung in der Münchener evangelischen Lukaskirche gemacht. Gelesen und gesungen wurden da Lyrik und Lieder, die gesammelt worden waren, und zwar von Hospizbewohnern. Jeder von uns hat ja irgendein Gedicht oder einen Song, den er sich als letzten Abschied etwa auf seiner Beerdigung wünscht. Im Vorfeld waren manche Medien sehr engagiert und unterstützten uns. Andere Zeitungsredaktionen waren skeptisch und meinten, das sei zu düster und traurig, die haben das tatsächlich weggedrängt. Aber am Ende, da kamen knapp 2000 Menschen zu der Veranstaltung. Das war unglaublich! Die Leute von der Zeitung haben sich dann gewundert, wie viele Leute nach dem Thema eine Sehnsucht haben.

PZ: Sie haben als junge Frau eine Ausbildung zur medizinisch-diagnostischen Assistentin gemacht. Klingt da noch etwas nach bei Ihrem jetzigen Interesse fürs Thema Hospiz?

Marianne Sägebrecht: Auf jeden Fall. Ich wollte auch mal Hebamme werden. Das rührt von meiner katholischen Herkunft her. Ein Priester, den die Nazis ins KZ Dachau steckten, hat mich als Kind sehr geprägt. Ich sage dazu gern ‚gespiegelt‘, weil er sich seelisch in mich als Kind hineinversetzte und sich mir entsprechend widmete. Ein Kaplan, der auch dem Buddhismus nahestand, hat mich auch als junge Frau gespiegelt, so dass ich schon damals religiös sehr offen wurde. Die Neigung dazu brachte ich schon mit. Als Kind war ich als Fünf- bis Siebenjährige in den Nachkriegsjahren oft im Haushalt einer adeligen jüdischen Familie, weil meine Mutter dort nähte, bei Baron Rosenthal. Er war sehr väterlich und gut zu mir. Klassische Musik, Literatur und eben auch jüdische Religion habe ich dort kennengelernt. Ich bin Christin, ich bin katholisch und bin überzeugt, dass die Ökumene und der Respekt vor allen weiteren Religionen absolut wichtig sind. Wir gehören alle zusammen.