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Bernd Glemser gibt bei den Kolsterfestspielen neben Konzerten auch wieder einen Sommerkurs. Maier
Bernd Glemser gibt bei den Kolsterfestspielen neben Konzerten auch wieder einen Sommerkurs. Maier
25.08.2017

PZ-Interview mit Pianist Bernd Glemser: „Künstler sollen unterrichten“

Seit 2006 ist Bernd Glemser „Artist in Residence“ bei den Klosterfestspielen in Maulbronn. Die PZ sprach mit dem 55-jährigen Pianisten, der am Samstag zum Auftakt der Kammermusikwoche konzertiert. Nach den Sommerkursen endet diese mit einem Abschlusskonzert ausgewählter Kursteilnehmer.

PZ: Herr Glemser, Sie beginnen das Programm heute Abend mit sechs ausgewählten „Préludes“ von Claude Debussy. Da gibt es impressionistische Musik mit vielen Klavierklangfarben zu hören. Ist das neu in Ihrem Repertoire?

Bernd Glemser: Tatsächlich habe ich als Solist sehr lange keinen Debussy gespielt. In letzter Zeit beschäftige ich mich jedoch viel mit ihm, nicht zuletzt weil 2018 das einhundertste Todesjahr Debussys ist. In diesem Zusammenhang wollte ich auch etwas anbieten. Vor vielen Jahren, am Anfang meiner Konzerttätigkeit, da hatte ich einige Werke von Debussy – und auch von Ravel – erarbeitet. Daran konnte ich jetzt anknüpfen. Wobei: In meiner Lehrtätigkeit habe ich selbstverständlich all die Jahre auch Debussy unterrichtet. Ich kenne die Stücke deshalb sehr gut.

PZ: Faszinierend an den kurzen Stücken ist ja, dass ein einziges Instrument in so vielen verschiedenen Klangfarben leuchten kann. Wie erarbeitet man sich diese Farben?

Bernd Glemser: Die genaue Arbeit am Text, also am Musiktext, ist entscheidend. Debussys Kompositionen sind unglaublich genau und präzise aufgeschrieben. Zum Beispiel sind die Tonlängen so exakt notiert, wie die Töne auch klingen sollen. Mal muss man dazu die Finger länger auf der Taste halten, mal mit Pedal halten, aber nicht so, dass zu viel anderes mitklingt. Wenn man sich strikt an die notierten Tonlängen hält, werden diese Farben hörbar. Das gilt auch für den musikalischen Raum. Manches klingt nach Vordergrund, anderes hört sich wie aus der Ferne an.

PZ: Man hört aus Ihren Schilderungen heraus, dass Sie gut erklären können. Ist Ihnen das, was Sie als Solist interpretieren, so vertraut, weil Sie es als Lehrer unterrichten – oder umgekehrt?

Bernd Glemser: Auf jeden Fall hängt beides miteinander zusammen. Zum Beispiel spiele ich in Maulbronn diesmal auch Chopin-Walzer, denen ich mich im Unterricht schon oft gewidmet habe. Aber ich habe sie nie für einen Konzertabend vorbereitet. Ähnlich verhält es sich mit der Klaviersonate Nr. 3 von Johannes Brahms. Die wollte ich schon lange einmal selbst interpretieren. Dass ich das jetzt endlich wahr gemacht habe, verdanke ich Maulbronn! Denn wir brauchen dort immer wieder Neues. So oft bin ich jetzt dort gewesen und habe noch nie etwas wiederholt.

PZ: Tatsächlich haben wir Sie als eine Art „Dauergast“ in Erinnerung. Wie oft waren Sie denn schon in Maulbronn und haben Konzerte gegeben?

Bernd Glemser: Da bin ich jetzt überfragt. Seit 2006 jedenfalls bin ich dort jedes Jahr, Ende August bis Anfang September, als ‚Artist in Residence‘ und leite einerseits einen Kurs für Meisterschüler, andererseits gebe ich vier Konzerte. Eines davon ist der Klavierabend und dann gibt es noch die anderen drei Konzerte mit Künstlerfreunden. Auf diese Weise verbindet sich Kurs, Konzert und Kammermusik. Das alles geschieht im Rahmen der Klosterkonzerte Maulbronn und wird in Absprache mit den Veranstaltern auch programmiert.

PZ: Das heißt, kommende Woche unterrichten Sie auch in Maulbronn, nicht fürs Publikum, sondern für Meisterschüler?

Bernd Glemser: Ja, das sind Studierende, die sich für diese Sommerkurse anmelden. Ich kann ihnen Technik zeigen oder Interpretatorisches, wie das eine oder andere noch ein bisschen besser gehen könnte. Man kann in der Maulbronner Atmosphäre wunderbar arbeiten, das ist immer sehr inspirierend. Das Ergebnis ist indirekt auch fürs Publikum. Denn in der nächsten Woche (Donnerstag, 31. August) dann gibt es auch einen Abschluss-Abend, an dem Kursteilnehmer zu hören sind.

PZ: Was Sie von Maulbronn erzählen, klingt wie ein beschaulicher Kontrapunkt zur großen weiten Klassikwelt der internationalen Konzertsäle. Aber trotz des Gegensatzes hört es sich sehr stimmig an. Brauchen Sie beides, als Ausgleich vielleicht?

Bernd Glemser: Als Solist gebe ich ebenso gern einen Klavierabend allein, wie ich auch gerne Kammermusik mit anderen musiziere oder ich konzertiere gern Rachmaninow mit großem Orchester... Das hat alles sein Gutes! Ich finde es nur schade, wenn Künstler, die gut und erfolgreich im Konzertbetrieb drin sind, ihre Erfahrungen und ihr Wissen nicht weitergeben. Das ist nicht unsere Tradition. Die nämlich sieht seit Bach und Beethoven vor, dass man das Musizieren erlernt und später selbst auch unterrichtet. Das war auch bei den großen Konzertpianisten so. Erst Ende letztes Jahrhundert haben einige namhaften Virtuosen damit gebrochen und nicht mehr unterrichtet. Ich finde das schlecht. Der Künstler soll nicht nur an sich denken, sondern auch daran, dass es nach ihm weitergeht.

PZ: Sie hatten damals als „jüngster Professor“ das Glück, ihren künstlerischen Weg sehr früh in dieser Tradition halten zu können. Heute in der total globalisierten Klassik-Szene verlaufen die Karrieren viel unberechenbarer. Junge Stars sind mitunter schon nach drei oder vier Jahren verbraucht, bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnten, wo es eine für sie angemessene Dozentenstelle geben könnte. Sorgt Sie das?

Bernd Glemser: Ja, es ist sogar frustrierend. Der Klassikmarkt entwickelt sich wie im Popbereich: Einige schießen hoch, werden aber ebenso schnell wieder vergessen. Natürlich ist die Sensationsgier beim Publikum gewaltig. Solisten, die etwas Besonderes und das besonders gut machen, werden – natürlich zu recht – geliebt. Damit das aber nicht verpufft, muss möglichst bald nachgelegt werden. Da haben junge Musiker nicht die Zeit der künstlerischen Reife. Früher haben sich Pianisten mit ihrer ersten Schallplattenaufnahme gewissermaßen verewigt. Heute müssen sie erstmal zwei, drei CDs machen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Sie stehen unter enormem Zeit- und Leistungsdruck. Für die künstlerische Entwicklung, die Ruhe und Gelassenheit zur Voraussetzung hat, ist das ungut. Und was die Lehrstühle im Klassikfach Klavier angeht: Es werden in absehbarer Zeit nicht sehr viel mehr werden, weil die Hochschulen sich neu, auf andere musikalische Gebiete, orientieren müssen. Aber trotzdem kann und will ich Mut machen: Wer auf Qualität setzt und sein Klavierspiel konsequent verfolgt, wählt damit den besten Weg. Und wer sich plötzlich als Shooting-Star sieht, muss auch den Mut haben, Angebote, die ihn überfordern könnten, abzulehnen.