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Unrasiert und mit Gitarre: Reinhold Beckmann. Foto: Beckmann & Band/S. Haberland
Unrasiert und mit Gitarre: Reinhold Beckmann. Foto: Beckmann & Band/S. Haberland
15.02.2018

PZ-Interview mit Reinhold Beckmann über seine TV-Karriere und das Liederschreiben

Er ist Journalist, Moderator und Fußballexperte. Nun gastiert Reinhold Beckmann in Pforzheim – als Sänger von Chansons. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, wie es dazu kam, wie er seine TV-Karriere bewertet und warum er seinen Geburtstag in Pforzheim feiert.

PZ: Herr Beckmann, Sie kommen nach Pforzheim. Welches Bild haben Sie von der Stadt?

Name: Pforzheim ist mir nicht ganz unbekannt. Einer meiner besten Freunde ist dort zu Haus. Ich gehe deshalb davon aus, dass es ein schöner und vertrauter Abend wird im Kulturhaus Osterfeld. Ein guter Platz, um unsere neuen Songs auszuprobieren.

Sport präsentieren statt nur berichten, ihn frisch und frech anzubieten, war in den 1990er-Jahren Ihr Verdienst. Warum war ein Wandel so wichtig?

Deutschland war 1990 gerade Weltmeister geworden, aber die Stadien in der Bundesliga waren leer. Die Sprache der Kommentatoren und Moderatoren war ziemlich altbacken und für uns wenig inspirierend. Es brauchte eine radikale Veränderung der Fußballberichterstattung. Junge Menschen fanden Bundesligafußball damals eher uncool. Das ist heute zum Glück anders.

Heute läuft fast jeden Tag Fußball im Fernsehen. Sind die Zuschauer nicht übersättigt?

Fußball hat in unserer Gesellschaft mittlerweile eine Bedeutung, wie ich es nie erwartet hätte. Mir ist das fast schon zu viel Fußball. Quasi eine Monokultur, sehr zulasten anderer Sportarten. Doch die Faszination ist ungebrochen. Obwohl wir gerade eine der schlechtesten Bundesligasaisons seit langem erleben, sind die Stadien ziemlich gut besucht.

Seit 21. Januar sind Sie im festen Expertenteam beim Fußballtalk „Doppelpass“. Ist das ein Zeichen dafür, dass Sie ohne Fußball nicht leben können?

Da will ich ihnen nicht widersprechen. Es ist ein Vergnügen, im „Doppelpass“ über die Bundesliga zu diskutieren. Zugegeben, ein bisschen Schuld daran ist auch Marcel Reif. Er hat mich mit guten Argumenten überzeugt.

Nehmen Sie am Ende der Sendung auch mal einen Schluck aus dem Bierglas?

Nun, als Norddeutscher ist mein Weizendurst sonntagmittags nicht besonders ausgeprägt. Sagen wir so: Es ist mehr ein höfliches Nippen in entspannter Runde.

Könnte es irgendwann ein Comeback von Ihnen als Sportmoderator geben?

Seit Martin Schulz wissen wir doch alle, dass man mit dem Ausschließen vorsichtig sein sollte ...

Wie Sie in Ihrer Talkshow mit Gästen auf Tuchfühlung gingen, hat das Genre zwar geprägt. Sie mussten dafür jedoch viel Kritik einstecken. Warum war Ihnen das so wichtig?

Weil ich gelernt habe, dass die erste Antwort auf eine Frage selten die Wahrheit liefert. Da muss man dann schon mal nachhaken. Es braucht ausreichend Zeit, damit etwas Unerwartetes oder Wahrhaftiges zutage treten kann. Das ist schwierig in großen Runden, wenn die oft gleichen Gäste vor allem parteipolitische Botschaften unterbringen wollen. Jetzt, in den Tagen des „Grokolores“, vermisse ich im Fernsehen die ausführlichen politischen Einzelgespräche.

Nach 624 Sendungen mit gut 2000 Gästen: Wer bleibt Ihnen für immer in Erinnerung?

Schwer zu sagen. Ob nun Vicco von Bülow, Hans Magnus Enzensberger oder die vielen Besuche von Loki und Helmut Schmidt. 16 Jahre Talk – es war eine wunderbare Arbeit mit vielen ungewöhnlichen Begegnungen.

Show-Formate, Reportagen . . . Haben Sie im Rückblick das Gefühl, zu viel gemacht zu haben?

Ich glaube, Zuschauer wissen es zu schätzen, wenn jemand sie zuverlässig durch ihr Fernsehleben begleitet. Meine Dokumentationsreihe über deutsche Politiker, wie zuletzt über Horst Seehofer, Sigmar Gabriel oder den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, kann über Zuspruch nicht klagen. Unser nächster Film widmet sich FDP-Chef Christian Lindner, den wir seit längerem mit der Kamera begleiten. Ich bin gespannt, wie sich der Machtverzicht durch den Abbruch der Jamaika-Sondierungen für die Liberalen künftig auswirkt: als Fehler oder als langfristig kluger Schachzug?

Was ist Ihre größte Leidenschaft: Fußball, Talk, Musik?

Musik und Fußball waren immer da. Sie sind die großen zuverlässigen Konstanten in meinem Leben.

Seit wann schreiben Sie Lieder?

Den sinnbildlichen Tritt in den Hintern gab es bei der allerersten Sendung von „Inas Nacht“. Ina Müller und ich haben einen Song gespielt, ich glaube, es war ein Bossa Nova von Jobim. Nach der Sendung kamen zwei Musiker aus Ina Müllers Band zu mir, die meinten, ich sei doch Musiker, und fragten, ob ich nicht mal etwas mit ihnen versuchen wolle. Darauf haben wir uns ein Wochenende lang zurückgezogen und einiges ausprobiert. Dann hat es etwas gebraucht, weil das Schreiben von lyrischen Songtexten etwas anderes ist als das von journalistischen Texten. Kreativität ist nicht auf Knopfdruck abrufbar. Man kann sich nicht hinsetzen und sagen, dass man jetzt einen Song schreibt. Kreativität ist unberechenbar. Doch irgendwann hat es Peng gemacht, und jetzt ist es ein großes Vergnügen. Bis heute.

Das heißt, Sie haben auch vorher schon Musik gemacht?

Ja, eigentlich immer. Anfang der 1970er-Jahre hatte ich sogar eine Band. Zugegeben, sie war von einer gewissen dilettantischen Qualität. Man würde vielleicht, wenn man großzügig ist, sagen, dass wir die erste Punk-Band waren, als noch keiner von Punk redete, weil wir auch nur zwei bis drei Akkorde beherrschten (lacht). Wir haben uns sehr bemüht, hatten wahnsinnig lange Haare und sahen supercool aus. Dachten wir zumindest.

Wovon handeln Ihre Texte, und wie kommen Sie darauf?

Ich finde, die Welt ist im Moment ziemlich orientierungslos und durch viele Krisen bestimmt. Wir sollten deswegen genauer hingucken, warum das so ist. Daher habe ich den Text zu „Wohin in dieser Welt“, ein Stück von unserer neuen CD „Freispiel“, in der Woche geschrieben, als der dreijährige syrische Flüchtlingsjunge Aylan am Strand von Bodrum tot aufgefunden wurde. Das Bild sehe ich noch vor mir: das rote Hemd, die kurze blaue Hose, die Turnschuhe, der Kopf Richtung Meer gerichtet. Als sein Foto um die Welt ging, habe ich fest geglaubt, dass sich etwas ändern würde. Doch heute spricht kaum jemand mehr über die Toten im Mittelmeer, obwohl 2017 mehr als 3000 Flüchtlinge ertrunken sind. Ein Thema ist verschwunden, obwohl das Problem geblieben ist. Es ist eine Chance, als Künstler über solche Dinge zu sprechen, ohne den Finger moralisierend zu heben oder gar ideologisch zu werden.

Was erwartet die Gäste am 24. Februar im Osterfeld?

Ein ganz persönlicher, fast intimer musikalischer Abend mit ein paar ungewöhnlichen Erzählungen. In kleiner Besetzung als Duo. Wir stellen die Songs der CD „Freispiel“ vor, die am 9. März erscheint.

Der Auftritt ist ein Tag nach Ihrem 62. Geburtstag. Wo und wie werden Sie ihn feiern?

Wir spielen am Abend vorher in Mannheim, aber gefeiert wird mit den Freunden in Pforzheim. Ich glaube, ich werde gleich mal Kumpel Peter Freudenthaler von Fools Garden anrufen und einladen.