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Den Dirigentenstab schwingt Timo Handschuh nicht nur in Pforzheim. Er ist auch Generalmusikdirektorin Ulm.
Den Dirigentenstab schwingt Timo Handschuh nicht nur in Pforzheim. Er ist auch Generalmusikdirektorin Ulm. © Seibel
27.01.2016

PZ-Interview mit Timo Handschuh, Chefdirigent des SWDKO

Seit beinahe drei Jahren ist Timo Handschuh Chefdirigent des Pforzheimer Südwestdeutschen Kammerorchesters (SWDKO) – und hat dem Ensemble in dieser Zeit seinen Stempel aufgedrückt. Im PZ-Interview spricht er über seine Programmvorlieben, sein Verhältnis zur Neuen Musik – und über die Auswirkungen seiner Stelle als Ulmer Generalmusikdirektor (GMD) für seine Tätigkeit in Pforzheim.

PZ: Im Zentrum des vergangenen Abo-Konzerts stand die Musik der sogenannten Vorklassik. Sie scheinen auch sonst eine Vorliebe für Kompositionen aus dieser Zeit zwischen Barock und Klassik und zu haben. Warum?

Timo Handschuh: Die Komponisten dieser Epoche sind Wegbereiter. Sie haben viele Eigenarten erst entwickelt, auf denen dann der Stil eines Haydn oder Mozart aufbaut. Deswegen sind es interessante Kompositionen. Man kann an ihnen erahnen, wo die Reise hingeht. Es sind gleichzeitig natürlich keine Meisterkomponisten. Deswegen sind sie ja vergessen. Aber ich finde es trotzdem reizvoll, mich mit dem SWDKO auch um diese Komponisten zu kümmern. Es gibt in diesem Bereich wahnsinnig viel auch bisher unentdecktes Repertoire, an dem wir unseren Stil, vor allem auch die Artikulation schulen können.

PZ: Aber manchmal stehen dann – wie mit dem Harfenkonzert von Wagenseil vom vergangenen Sonntag – auch eher nachrangige Kompositionen auf dem Spielplan.

Timo Handschuh: Das Werk hat zum Konzert-Thema und auch zur Solistin Jana Boušková gepasst. Und das Kammerorchester hat es trotz CD-Aufnahme 1998 noch nie im Konzert gespielt. Das ist schöne Musik. Es ist einfach beeindruckend zu sehen, was dabei an der Harfe passiert. Das Werk ist vielleicht etwas gefällig und geläufig und bietet keine größeren kontrapunktischen Ausflüge. Aber wir wollen auch die Abwechslung pflegen – und komplexere Programme mit einfacheren verbinden.

PZ: Unter Ihrem Vorgänger Sebastian Tewinkel hat die Musik des späten 20. Jahrhunderts eine größere Rolle gespielt. Wie stehen sie zu diesem Repertoire?

Timo Handschuh: Wir touchieren diese Zeit beispielsweise im nächsten Abo-Konzert mit einem Werk von Eugène Ysaÿe. Aber diese Epoche ist kein zentraler Punkt dieser Spielzeit – und das auch bewusst. Ich bin kein Botschafter der Neuen Musik. Ich werde nicht vor dem Orchester stehen und irgendwelche mathematischen Kompositionen oder Zahlenspiele dirigieren. Und ich glaube, das begrüßt das Publikum auch.

PZ: Gehört es nicht zum Auftrag des SWDKO, das Publikum mit der Musik aller Epochen zu konfrontieren?

Timo Handschuh: Sicher, aber in Maßen. Ich schätze moderne Komposition durchaus als Farbaspekt im Konzert. Aber komplette Neue-Musik-Programme würden uns nicht voranbringen. Wir haben keinen Kulturauftrag bloß um der Kultur willen. Viele Zuschauer gehen ins Konzert, weil sie berührt werden wollen. Und das ist legitim. Ich glaube aber auch, dass die große Zeit des experimentellen Komponierens vorbei ist. Ich denke, es gibt eine große Sehnsucht nach Tonalität.

PZ: Das SWDKO ist ein reines Streichorchester. Durch Aufstockung können Sie auch zum kleinen Sinfonieorchester inklusive Bläsern werden. Hat diese Praxis Zukunft, wenn es mit der Badischen Philharmonie auch ein eigenes Sinfonieorchester in Pforzheim gibt – und am Ende beide Orchester Beethoven-Sinfonien spielen?

Timo Handschuh: Wir brauchen diese Vielfalt. Wir sprechen uns mit der Badischen Philharmonie ab und spielen Ähnliches dann nicht zur gleichen Zeit. Aber das Sinfonien-Repertoire der Wiener Klassik wollen wir uns nicht nehmen lassen. Einfach, weil wir an diesen Werken auch interpretatorisch wachsen. Es gibt aber Einschränkungen. Wir wollen nur das mit aufgestocktem Orchester spielen, was auch wirklich sinnvoll ist. Riesensinfonien von Mahler sind das nicht. Und auch schon Schumann ist schwierig. Aber den frühen Beethoven und Schubert können wir gut realisieren.

PZ: Sie sind seit fast fünf Jahren auch GMD am Theater Ulm, dirigieren dort Opern, Ballette und das große sinfonische Repertoire. Gehen Sie an diese beiden Stellen ähnlich heran, oder setzen Sie auf Abgrenzung?

Timo Handschuh: Die Stellen sind sehr verschieden. Hier das Streichorchester, dort das große Sinfonieorchester. Dort das Theater-, hier das Konzert-Repertoire. Was vorkommt ist, dass wir uns gegenseitig im Notenmaterial aushelfen. Aber thematisch gibt es da kaum Überschneidungen, das Repertoire ist zu verschieden. Ich werde nicht anfangen, hier in Pforzheim eine Sinfonie ins Programm zu nehmen, nur weil ich sie in der Woche zuvor in Ulm dirigiert habe.