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Auch in der Pforzheim-Galerie überzeugt Tianwa Yangs brillantes Spiel.
Auch in der Pforzheim-Galerie überzeugt Tianwa Yangs brillantes Spiel.
17.10.2014

PZ-Interview mit der Geigerin Tianwa Yang über ihr Leben und ihre Erfolge

Von China in den Enzkreis ging der Lebensweg der Geigerin Tianwa Yang (27), die gerade den „Klassik-Echo“ als beste Nachwuchskünstlerin erhalten hat. Im PZ-Interview spricht sie über ihren Weg zur Musik, chinesische Lehrmethoden und ihre Heimat.

PZ: Bei Ihrer Geburt war nicht abzusehen, dass Sie mal eine erfolgreiche Geigerin sein würden, die auch in Europa stark verwurzelt ist. Wie kam es zu ihrer Karriere?

Tianwa Yang: Das war ein totaler Zufall! Meine Eltern waren überhaupt keine Musiker und haben für mich einfach einen verkehrsgünstigen Kindergarten gesucht. Der war dann der einzige Musik-Kindergarten in ganz Peking. Dort hat man schnell gemerkt, dass ich Talent habe und meinen Eltern geraten, dieses zu fördern. Ein Klavier konnten wir uns nicht leisten, aber eine Geige schon. Die war relativ klein, günstig und sah ja auch irgendwie süß aus.

PZ: Und Ihr Ehrgeiz hielt sich am Anfang in Grenzen?

Tianwa Yang: Ja, ich war unheimlich faul. Bis ich zehn war, habe ich vielleicht eine halbe Stunde pro Tag geübt, und das hat gereicht. Dann kam ich in ein spezielles Musik-Gymnasium, an dem der Instrumental-Unterricht viel intensiver und strenger war. Dort wurde beispielsweise per Videokamera überwacht, ob man auch wirklich übt. Das waren dann schon drei bis vier Stunden täglich.

PZ: Sie waren mit 13 die jüngste Musikerin, die die extrem virtuosen Capricen von Paganini auf CD eingespielt hat. Hören sie diese CD noch gern?

Tianwa Yang: Nein, ich habe sie nie mehr wirklich angehört. Aber ich höre meine eigenen Aufnahmen sowieso nur sehr ungern an, weil ich musikalisch ständig auf der Suche nach Neuem bin. Ich denke dabei öfters: Ach hier und da hätte ich auch etwas anderes ausprobieren können. Mit den Paganini-Capricen war das so: Mein Lehrer hatte sich einfach einen Weltrekordplan in den Kopf gesetzt, und ich war dann das Versuchskaninchen. Er hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt und gesagt: ,In sechs Monaten spielst Du die Paganini-Capricen‘. Das habe ich dann auch gemacht und bemerkt, dass Musiker sein ein anstrengender Beruf ist, dass der Spaß irgendwann aufhört. Ich habe in dieser Zeit so viel geübt wie noch nie in meinem Leben und sehr wenig geschlafen. Kurz vor den Aufnahme bin ich am Abend aufs Sofa gefallen, habe zwei Stunden geschlafen und dann weitergeübt.

PZ: Mit 18 haben Sie ein Studium in Karlsruhe begonnen und im Remchinger Haus Ihres Professors Jörg-Wolfgang Jahn ein zweites Zuhause gefunden. Was war das für eine Umstellung?

Tianwa Yang: Allein technisch habe ich hier ein ganz anderes System kennengelernt, das im Gegensatz zum russischen System, das in China unterrichtet wird, andere Übungsformen und ein anderes Klangideal hat. Aber auch pädagogisch gab es große Unterschiede. Ich war geschockt, dass der Unterricht hier nicht über Druck funktioniert, sondern man weitestgehend versucht, nicht nur durch Fleiß voranzukommen.

PZ: Wie ist jetzt Ihr Leben zwischen Deutschland und China? Wo fühlen Sie sich heimisch?

Tianwa Yang: Ich wohne ja fest in Deutschland, weil ich in Kassel unterrichte, und freue mich immer wahnsinnig, wenn ich hier in den Süden komme. Hier kenne ich mich aus, und meine Freunde und Bekannten sind hier. In China bin ich nur rund zehn Tage im Jahr, um meine Eltern zu besuchen. Deutschland ist meine Heimat geworden.

PZ: Dieses Jahr ist sehr erfolgreich für Sie: Ihre CD wurde von der Kritik begeistert aufgenommen, und vor Kurzem haben Sie den „Klassik-Echo“ als beste Nachwuchskünstlerin erhalten. Sind Sie zufrieden und was sind Ihre weiteren Ziele?

Tianwa Yang: Ich habe meine Lebensbalance gefunden: In Kassel unterrichte ich neun Studenten, lerne durch die Diskussionen selbst viel, und gebe rund 60 Konzerte im Jahr. Dazwischen kann ich mich ganz auf mich konzentrieren. Gerade meine neue CD mit den Solosonaten von Eugène Ysaÿe ist einem eher unbekannten Komponisten gewidmet. Irgendwann will ich die ganz großen Namen des Geigen-Repertoires einspielen. Die Sonaten von Beethoven, Schumann oder Bach. Das ist ein großes Ziel.