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Das Reiterstandbild ist vom Sockel gestürzt. Nur noch die Scheuklappen des Pferdes sind zu sehen – oder sind es die Scheuklappen des Herrschers oder seiner Gefolgsleute? Und plötzlich wird der Sockel in der Arbeit von Vio Pace selbst zu Skulptur. 
Das Reiterstandbild ist vom Sockel gestürzt. Nur noch die Scheuklappen des Pferdes sind zu sehen – oder sind es die Scheuklappen des Herrschers oder seiner Gefolgsleute? Und plötzlich wird der Sockel in der Arbeit von Vio Pace selbst zu Skulptur.  © KISS
Das Reiterstandbild ist vom Sockel gestürzt. Und plötzlich wird der Sockel in der Arbeit von Vio Pace selbst zu Skulptur und erzählt von einem gewaltsamen Umsturz.
Das Reiterstandbild ist vom Sockel gestürzt. Und plötzlich wird der Sockel in der Arbeit von Vio Pace selbst zu Skulptur und erzählt von einem gewaltsamen Umsturz. © KISS
Das Pforzheimer Künstlerarchiv-Projekt "Brigade Commerz" präsentiert auf einem von Liam Gillick aus einem Garagentor entworfenen Schautisch sein Archivmaterial in Form von Cds und Schallplatten.
Das Pforzheimer Künstlerarchiv-Projekt "Brigade Commerz" präsentiert auf einem von Liam Gillick aus einem Garagentor entworfenen Schautisch sein Archivmaterial in Form von Cds und Schallplatten. © KISS
Harald Kröner aus Pforzheim verschiebt, verändert Buchstaben in Worten aus "Finegans Wake" und schon geraten Wortklang und Wortsinn durcheinander.
Harald Kröner aus Pforzheim verschiebt, verändert Buchstaben in Worten aus "Finegans Wake" und schon geraten Wortklang und Wortsinn durcheinander. © KISS
Der Pforzheimer Alfred Müller bemalt Bilder seiner im Schloss Untergröningen ausstellenden Künstlerkollegen mit silberner Farbe.
Der Pforzheimer Alfred Müller bemalt Bilder seiner im Schloss Untergröningen ausstellenden Künstlerkollegen mit silberner Farbe. © KISS
21.05.2016

Pforzheimer Künstler bei „Fünfzig Zigarren für das Licht der Zukunft“

Fünfzig Zigarren für das Licht der Zukunft“ – der Titel der großen Sommerausstellung des Kunstvereins KISS Kunst im Schloss Untergröningen in Abtsgmünd klingt nach sozialistischem Pathos aus den besten Tagen der kubanischen Revolution, nach Fidel Castro und Che Guevara, die Zigarren rauchend die internationale Freiheit planten. Während heute im politischen Diskurs das Wort Revolution eher von reaktionären Kräften benutzt wird, die sich in Inseln gesellschaftlicher Uniformität gegen die multikulturelle Globalisierung abschotten wollen, erlebt man in der KISS-Gruppenschau ein viel offeneres und persönlicheres Bild von Revolutionen.

Hier reihen sich unter anderem Arbeiten namhafter deutscher Künstler wie Katharina Sieverding oder Christiane Möbus, deren Werke sich als dezidierte Stellungnahmen zu politisch-gesellschaftlichen Fragen erweisen, neben Arbeiten von drei Künstlern und einem Künstlerarchivprojekt aus Pforzheim. Da wird der Bogen gespannt zwischen den mytholgischen Erz-Helden eines Jonathan Meese, die nur darauf warten, mit großer, theatralischer Geste das Weltgefüge aus den Angeln zu heben, und den roten Fahnen des Pforzheimer Künstlers Vito Pace, die eher wie zufällig an einer Wand im Schloss Untergröningen lehnen. Hat man sie dort abgestellt und vergessen, weil die Revolution schon vorüber ist, oder warten sie dort auf den Einsatz bei der nächsten Demonstration für den sozialistischen Weltfrieden?

In seiner Skulptur „Monument des Abwesenden“ zeigt Pace in einem Schlossraum, was vom Idealbild eines autoritären Schlossherrn übrig bleibt, wenn das pathetische Reiterstandbild vom Sockel gekippt wurde: die Scheuklappen des Pferdes (und wohl auch des Reiters und seiner Gefolgsleute) sowie jener Sockel, der plötzlich allein die zentrale Funktion als Skulptur übernimmt. Das einst nur mit einem geringen Maß an Bedeutung bemessene Podest, so sinnentleert es auf den ersten Blick nach Entfernen der Herrscherfigur auch anmutet, weiß doch als stummer Zeuge eines Umsturzes viel zu erzählen.

Auch bei Harald Kröner aus Pforzheim ist weniger mehr. Als ungeheure Spracherfindungsmaschine sieht er „Finegans Wake“ von James Joyce. Aus der unermesslichen Fülle des Joyce-Wortkosmos wählt er lediglich Partikel aus, die als Neonleuchtschrift an der Wand und ihres literarischen Zusammenhangs beraubt zunächst eher etwas verloren wirken. Doch wie der irische Autor Wörter neu zusammensetzt und auseinanderreißt oder diese mit Wörtern anderen Sprachen kombiniert, so verschiebt und ergänzt auch Kröner die Buchstaben seiner „Finegans Wake“-Textatome. Und plötzlich verändern sich durch diese behutsamen Eingriffe Wortklang und Wortbedeutung, gerät der vertraute Wortsinn ins Taumeln.

Mit solchen vorsichtigen Verschiebungen will sich der Pforzheimer Alfred Müller gar nicht erst aufhalten. In der Attitüde des gnadenlos vorwärts in die neue Zukunft eilenden Kulturrevolutionärs stürzt er nicht nur das Reiterstandbild vom Sockel, er löscht gleich alles aus. Farbe? Kitsch von vorgestern. Schwarz? Avantgarde- und Emo-Kram von gestern. Er überzieht seine Bilder und die Werke von Kollegen aus der Ausstellung im Schloss Untergröningen alles überdeckend mit Silberfarbe.

Bewahren und in die Zukunft hinüberretten – das Pforzheimer Archivprojekt „Brigade Commerz“, 2008 gegründet von Robert Eikmeyer, Peter Kraus, Thomas Knoefel und Oliver Hutmacher, veröffentlicht CDs und Schallplatten, die wie kleine Bilder an der Wand funktionieren, aber eben auch Reden oder Musik von Künstlern konservieren. Für die „Brigade Commerz“ hat Dokumenta-Teilnehmer Liam Gillick aus einem Garagentor einen Präsentationstisch gestaltet. Darauf stapeln sich die Archivwerke, die Lust wecken auf einen anregenden Abend mit Joseph Beuys oder Martin Kippenberger aus der Stereoanlage und mit einer Zigarre in der Hand, deren nach oben ziehender Rauch vielleicht Erinnerungen weckt an das „Licht der Zukunft“ in der sehenswerten Gruppenschau im Schloss Untergröningen.

INFOS

Die Ausstellung „Fünfzig Zigarren für das Licht der Zukunft“ im Schloss Untergröningen in der Gemeinde Abtsgmünd-Untergröningen bei Schwäbisch Gmünd ist noch bis zum 25. September samstags von 14 bis 18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Infos unter www.kiss-untergroeningen.de