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Roland Bliesener, Christina Geruschkat, Christian Roch und Sven Puchelt (von links) erwecken die Zeit der Rassler zum Leben.  Roller
Roland Bliesener, Christina Geruschkat, Christian Roch und Sven Puchelt (von links) erwecken die Zeit der Rassler zum Leben. Roller
04.05.2017

Pforzheimer Originalen auf der Spur

Lag es an ihren mit Nägeln beschlagenen Schuhen, dass man sie „Rassler“ genannt hat? An dem klappernden Kochgeschirr, das sie mitführten? Oder an der Eile, mit der sie sich auf den Weg machten in die Goldstadt, um dort in den Fabriken und Manufakturen zu arbeiten?

Eine Antwort auf diese Fragen kann das Programm von Sven Puchelt, Roland Bliesener, Christian Roch und Christina Geruschkat zwar nicht liefern, aber es erinnert äußerst unterhaltsam an eine Personengruppe, die Pforzheim in seiner Entwicklung zur Goldstadt geprägt hat wie kaum eine andere.

Auf beschwerlichem Weg

Die Rassler sind einst früh morgens aus den umliegenden Dörfern den oft langen und beschwerlichen Weg nach Pforzheim gepilgert, um dort in den Schmuckfabriken ihrer Arbeit nachzugehen. Ihnen und den anderen Akteuren der Schmuckindustrie haben Puchelt, Bliesener, Roch und Geruschkat in einer Eigenproduktion des Folkclubs „Prisma“ nun auch musikalisch ein Denkmal gesetzt. Historische Gedichte und Lieder dienten diesen als Ausgangspunkt für die musikalische Zeitreise durch die zurückliegenden 250 Jahre. Mit selbst geschriebenen Melodien versehen und neu arrangiert, erzählen die Stücke von den Anfängen der Schmuckindustrie im Jahr 1767, von der Schönheit des Schwarzwalds und von dem Arbeitsalltag in der Goldstadt. Sie berichten von einer Zeit, in der Arbeiter nicht selten 18 Stunden außer Haus waren, in der auch Kinder und Jugendliche schuften mussten und in der viele Bijouterie-Arbeiterinnen starben, ehe sie das vierzigste Lebensjahr erreichten. In den Gasthäusern wurde damals nicht nur viel gezecht, sondern auch gesungen und getanzt. Eine traditionelle Kreuz-Polka erinnert daran.

Von den vielen Auswanderern, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Glück in Amerika suchten, kündet dagegen „Ein stolzes Schiff“. Ein Gedicht von Wilhelm Hagenmeyer berichtet vom Heimweg des Goldschmieds, der sich auf „Haus, Garten, Kopfsalat, Weib und Kind“ freute. Aber nicht, ohne sich noch einen großen Schluck Ellmendinger Weins zu genehmigen.

Das Lied „Wer bist Du“ hat Roland Bliesener selbst geschrieben. Es geht um die Zeit, die immer weiter voranschreitet und diejenigen dahinrafft, die noch von früher berichten können. Im Mittelpunkt steht die Aufforderung: „Opa, komm, erzähl doch mal, wie das früher bei uns war.“ Pforzheim hat sich nämlich verändert, die Rassler gibt es heute nur noch als Denkmal von Fritz Theilmann an der Poststraße. Mit ihrer Eigenproduktion lassen Puchelt, Bliesener, Roch und Geruschkat ihre Geschichte zumindest in Teilen wieder lebendig werden. Auf Gitarre, Hackbrett, Keyboard, Akkordeon, Flöte und Geige spielen sie heitere Melodien. Zwischen den Liedern geben sie Anekdoten und historische Fakten zum Besten. Nach knapp zwei Stunden spendet das Publikum tosenden Beifall und verlangt eine Zugabe.