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Im Jahr 1906 malt Alfred Kubin die Gouache „Verpuppte Welt“ in einem Stil, den er bald wieder verwirft.
Im Jahr 1906 malt Alfred Kubin die Gouache „Verpuppte Welt“ in einem Stil, den er bald wieder verwirft.
11.10.2018

„Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter“ im Lenbachhaus.

München. Franz Marc, August Macke, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter: Den Protagonisten des Blauen Reiter sind mit schöner Regelmäßigkeit große Ausstellungen gewidmet, unter anderem im Münchner Lenbachhaus, das die weltgrößte Sammlung dieser Künstlergruppe besitzt.

Doch Alfred Kubin? Lange war völlig in Vergessenheit geraten, dass der junge Österreicher, der 1898 im Alter von 21 Jahren nach München kommt und dort sein aufsehenerregendes Frühwerk mit den packenden Darstellungen psychischer Ängste und sexueller Zwangsvorstellungen schafft, bereits seit spätestens 1902 mit Wassily Kandinsky bekannt ist und sich 1911 dem Blauen Reiter anschließt. Unter dem Titel „Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter“ zeigt das Lenbachhaus in München nun über 140 Werke, Fotos und Dokumente – von Kubin und anderen Künstlern wie Macke, Kandinsky, Klee und Münter. „Die Ausstellung handelt von den Aufbrüchen und Umbrüchen, Verwerfungen und Fantasien einer Zeit zwischen Latenz und Ausbruch, deren Widersprüche und Ängste auf eine fast unheimliche Art aktuell wirken“, sagt Lenbachhaus-Direktor Matthias Mühling. Und: „In seinen Bildern vermischt sich die traumatische Weltsicht des Künstlers mit der generellen Unruhe seiner Zeit.“

Kandinsky ist es auch, der Kubins erste Ausstellung in München und sein Frühwerk mit den drastischen Visionen von Trieb- und Zwangsvorstellungen 1904 in einer Ausstellung der Künstlervereinigung Phalanx präsentiert, die Einblicke „in die Dunkelkammer der modernen Seele“ erlaubt. Bei der zweiten Ausstellung des Blauen Reiter 1912 zeigt Kubin seine neuen Arbeiten: kalligraphisch flüssige Tuschfederzeichnungen, Szenen, die in einer geheimnisvollen Zwischenwelt spielen. „Beim Anblick seiner Bilder werden wir oft physisch herausgefordert“ schildert Mühling. Kubin empfindet und zeichnet sein Leben: Als Kampf am Tag und verfolgt von Geistern und Dämonen in der Nacht – Monstrositäten, die aus einem dichten Geflecht von Linien entstehen. Der ungewöhnliche Einsatz der Spritztechnik und die fein ausgearbeiteten lavierten Zeichnungen mit exakt gezogener Einfassungslinie stehen dabei fast im Gegensatz zu seinem rauschhaften Arbeiten: Hunderte von Blättern entstehen. Er werde „förmlich genotzüchtigt von einer dunklen Kraft, die seltsame Tiere, Häuser, Landschaften, groteske und furchtbare Situationen vor meinem Geist hinzauberte“, schreibt Kubin. Er experimentiert auch mit Kleisterfarben und Tempera, Abstraktion und flächiger Malerei, doch verwirft alles wieder.

1911 erscheint sein wichtiges Mappenwerk „Sansara. Ein Cyklus ohne Ende“ mit neuen, vielfigurigen Szenen, in denen ein Tableau des Lebens ausgebreitet wird. Im berühmten Almanach „Der blaue Reiter“ von 1912 ist er mit drei Zeichnungen vertreten. Und er schreibt seinen Roman „Die andere Seite“, illustriert ihn sowie weitere Bücher. Die Ausstellung endet mit einem Blatt von 1920: „Das Ende des Krieges“ zeigt ein schlafendes Skelett mit Lorbeerkranz unter blutroter Sonne am schwarzen Himmel.