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Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe über "Corot".
Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe über "Corot" © Miguletz
19.09.2012

Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe über "Corot"

Drei oft gestellte Fragen beantwortet von Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Warum stellen wir Corot aus?
Müller-Tamm: Corot muss hierzulande als der »unbekannte Bekannte« der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts gelten, denn es hat noch keine umfassende Corot-Schau in Deutschland gegeben. Deshalb ist die Vorstellung seines Werks unser wichtigstes Anliegen. Die Ausstellung breitet Corots Schaffen in einem Überblick von rund 170 Werken aus. Zu sehen sind zwischen erste, in Ville-d’Avray entstandene Ölskizzen, überraschend eigenständige Bilder seiner ersten Italienreise 1825 bis 1828, Landschaften der französischen Jahre und der späteren Italienaufenthalte 1834 und 1843 bis zum Wendepunkt um 1850, der Zeit, ab der die stimmungsvollen Idyllen Einzug in sein Werk halten, bis zu den die Form auflösenden Bildern der späten Jahre. Darüber hinaus wollen wir einen Beitrag zum besseren Verständnis von Corots Kunst leisten. Das heißt, wir wollen Corot nicht abermals allein das Etikett eines »Vorläufers der Impressionisten« anheften, sondern ihn als eine hochinteressante Künstlerpersönlichkeit sichtbar machen.

Warum stellen wir Corot heute aus?
Müller-Tamm: Die Gegenwart erscheint empfänglich für einen vertiefenden Blick auf die Kunst von Corot. Denn in ihr sind all jene Phänomene des Vagen und Uneindeutigen, des Emotionalen und Stimmungshaften gegenwärtig, die aktuell eine gesteigerte Aufmerksamkeit erfahren. Die jüngeren Geisteswissenschaften interessieren sich verstärkt für Sentiment und Sehnsucht, für Affekt und Passion. Lange verpönte Begriffe wie Stimmung, Atmosphäre und Präsenz haben wieder Konjunktur. Diese besondere Stimmung erfahrbar zu machen, war unser Ziel bei der Entwicklung des Ausstellungsparcours. In den Räumen der Ausstellung werden die Besucher in einem umfassenden Sinn angesprochen: sinnlich, emotional und intellektuell. Es wird in der Ausstellung auch Hörstationen geben, in denen man ein speziell für die Ausstellung entwickeltes Musikprogramm erleben kann, allesamt Kompositionen, die Corot, der ein großer Musikliebhaber war, besonders schätzte.

Warum stellen wir Corot in der Kunsthalle Karlsruhe aus?
Müller-Tamm: Wie nur wenige Museen in Deutschland ist die Kunsthalle Karlsruhe durch eine hochrangige Sammlung französischer Malerei, Zeichenkunst und Druckgrafik geprägt. Dieser Frankreich-Schwerpunkt bestimmt seit vielen Jahren auch das Ausstellungsprogramm unseres Hauses. So konnten überregional beachtete Projekte zu Chardin 1999, Delacroix 2003/04, zur französischen Druckgrafik von Picasso, Matisse und Chagall 2006, zur Skulptur von Houdon bis Rodin 2007 und zu Vuillard 2008/09 realisiert werden. 2011 hat die Ausstellung Lumiere Noire. Neue Kunst aus Frankreich diese Programmlinie bis in die aktuelle Kunst fortgeführt. Die Corot-Ausstellung ist zweifellos ein Höhepunkt: hochrangige Malerei und Zeichenkunst, die zudem einen ganz besonderen Charme entwickelt, wenn man sich denn auf sie einlässt.