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Entfachten im Laienrefektorium bisweilen ein rasantes Klang-Feuerwerk: Bernd Glemser (Klavier) und das Gewandhaus-Quartett. Foto: Fotomoment
Entfachten im Laienrefektorium bisweilen ein rasantes Klang-Feuerwerk: Bernd Glemser (Klavier) und das Gewandhaus-Quartett. Foto: Fotomoment
10.09.2018

Pianist Glemser musiziert mit Gewandhaus-Quartett in Maulbronn

Maulbronn. Feste Klavierquartett-Formationen gibt es kaum, Streichquartette dagegen reichlich. Wenn entsprechende Konzerte mit Klavier anstehen, suchen sich die Streicher einen befreundeten Pianisten, die zweite Geige ihres Quartetts hat Pause. Bei den Maulbronner Klosterkonzerten funktioniert die Sache genau anders herum.

Zum Abschluss seiner Kammermusikwoche lud sich Residenz-Pianist Bernd Glemser zum wiederholten Mal das renommierte Gewandhaus-Quartett ein und musizierte mit Frank-Michael Erben (Violine), Anton Jivaev (Viola) und Jürnjakob Timm (Violoncello) das 2. Klavierquartett in A-Dur (op. 26) von Johannes Brahms.

Freilich spürte man beim Spiel des ad hoc zusammengestellten Ensembles an den zahlreichen, vermittelnden Blickkontakten, dass diese vier Künstler nicht regelmäßig miteinander musizieren. Auch besteht immer die Gefahr, wenn sich Streicher und Klavier vereinen, dass der Pianist sich zu laut in den Vordergrund drängt. Doch in der Maulbronner Aufführung befand sich alles in bester musikantischer Balance. Glemser setzte mit kraftvoll markierten Akkorden die Akzente, wo sie erforderlich waren, fügte sich aber immer wieder integrativ in das Klangbild aller Stimmen ein.

Den frisch bewegten Einleitungssatz („Allegro non troppo“) gestalteten die vier Instrumentalisten in blühendem Wechselspiel zwischen Klavier und Streichern, wobei sich das lebhafte triolische Hauptmotiv nach wenigen Takten in voller Klangpracht entfaltete.

Aus der Tiefe aufrauschende Klavier-Skalen beförderten das klangselige Melos im Folgesatz – die Streicher spielten mit aufgesteckten Dämpfern, um auf diese Weise den innig romantischen Klangduktus zu intensivieren. Der dritte Satz präsentierte sich vorwärts drängend als munter hüpfendes „Scherzo“. Im finalen „Allegro“ entfachten die Interpreten ein rasantes Klang-Feuerwerk, das dem insgesamt sehr ausgelassen mit viel Frohsinn und nur wenigen dunklen Tönungen wiedergegebenen Brahms-Quartett eine funkelnde Krone aufsetzte.

Verschmolzener Klangkörper

Nach der Pause, bei der Wiedergabe von Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr.8 e-Moll (op. 59,2), ersetzte eine zweite Geige mit Yun Jin Cho den Flügel. Vor allem aber war nun ein hervorragend aufeinander eingespieltes Streichquartett zu hören, das wie ein einziger, homogen verschmolzener Klangkörper agierte. Völliges Einvernehmen im Interpretationsverständnis herrschte unter den Akteuren. Präzise Intonation, rhythmische Akkuratesse und bei allen die Leichtigkeit der Bogenführung, die nichts Kraftloses hatte, waren selbstverständlich. Das war mehr, als der bekannte Goethe’sche Topos, Quartettspiel sei ein angeregtes Gespräch vier geistreicher Leute, zu suggerieren vermag. Das war gemeinsame Konzentration, Anspannung und Ergriffenheit. Mit dieser Haltung wurde die düstere Melancholie, die in diesem Beethoven-Quartett vorherrscht, kongenial umgesetzt.

Ruhig atmend, brachten die Gewandhaus-Streicher in breiten Tempi eine fatale Finsternis zum Ausdruck, die vor allem im langsamen zweiten Satz, dem „Molto adagio“, überdeutlich zum Hörerlebnis wurde. Todessüchtig verhangener Trauergesang und elegisches Klagen bestimmten das oft sehr zarte melodische Liniengeflecht, vom Diskant bis hinab in die tiefe Lage des Cellos. Im Finalsatz („Presto, Più presto“) breitete sich aufwühlende Leidenschaft aus, die am Ende mehrfach gesteigert in einen entfesselten Rhythmus einmündete. Dazu war ein hohes Maß an Perfektion und Virtuosität vonnöten, die von allen vier Partnern im komplexen Miteinander geleistet und von den Zuhörern begeistert gefeiert wurden.

Als Zugabe ließen die Künstler musikalisch (im Adagio von Joseph Haydns „Lerchen“-Quartett) eine Lerche fliegen, weil bei ihrem Auftritt vor zwei Jahren eine Fledermaus mit Flugbahnen das Konzert bereichert hatte.