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Kai Degenhardt spielt seines Vaters und eigene Songs.
Kai Degenhardt spielt seines Vaters und eigene Songs. © Frommer
22.10.2015

Poetische Melancholie: Kai Degenhardt bei „Prisma“

Pforzheim. Sein Vater war eine Stimme der 68er-Bewegung. Kai Degenhardt kann damit ganz gut leben – und trägt bei seinem Prisma-Gastspiel im Gasometer Pforzheim elf eigene Songs vor.

Pforzheim. Sein Vater war eine Stimme der 68er-Bewegung. Kai Degenhardt kann damit ganz gut leben – und trägt bei seinem Prisma-Gastspiel im Gasometer Pforzheim elf eigene Songs vor. Außerdem hat er – mit „In den guten alten Zeiten“, „Wölfe mitten im Mai“ und mit dem Antikriegs-Lied „P.T. aus Arizona“ – gleich drei Titel von Franz Josef Degenhardt (1931-2011) im Tourneegepäck.

Zugegeben: Dessen Themen – Vietnamkrieg, der Putsch in Chile 1973 oder die deutschen Notstandsgesetze – liegen weit zurück. Doch Kai Degenhardt (51) versteht es in seinen Ansagen und Liedern, die bis heute fortwirkenden wirtschaftspolitischen Zusammenhänge der neoliberalen Wende, wie die der Finanz- und Immobilienkrise ab 2007, aktuell und klar herauszuarbeiten – melodiös untermalt und in fein akzentuierter poetischer Melancholie.

Kai Degenhardts Lied „Als ich älter war“ schmeichelt sich ins Ohr, geißelt aber manchen lahm gewordenen „Prediger der permanenten Rebellion, der heute einen Trinker spielt in ’ner Reality-Sitcom“. Der nachdenkliche Song regt an, die Eigenleistung von Freiheitsrufern „auf beheiztem Ast“ zu hinterfragen. Außerdem hat er Lieder über private Katastrophen im Repertoire, beispielsweise das mit Loop-Play Back und E-Gitarre live gesampelte Lied „Weiter draußen“. Bereits vor 15 Jahren geschrieben und veröffentlicht hat Kai Degenhardt den beim Folk-Club als erste Zugabe gespielten Titel „Damit die Straße wieder brennt“. Dessen Text scheint jedoch exakt das immer kälter werdende Sozialgefüge im Hier und Jetzt zu beschreiben: „Es verteilt die Neue Mitte jetzt den Kuchen und die Tritte, und jeder Penner ist mein Konkurrent“.

Im PZ-Gespräch macht der Hamburger Liedermacher deutlich, dass die Straßen gegenwärtig fast ausschließlich rechten Scharfmachern – und damit eindeutig den Falschen – überlassen seien.

Robin Daniel Frommer