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Feurige Sternstunde: Alvin Queen (links) und Jesse Davis. Fotos: Frommer
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Polyrhythmische Leidenschaft: Alvin Queen Quartett im ausverkauften Jazzclub „domicile“

Pforzheim. Spontan, mitreißend, souverän: Was mit dem Jazzstandard „Caravan“ kraftvoll beginnt, gerät dem Alvin Queen Quartett im ausverkauften Jazzclub „domicile“ rasch zu einer feurigen Sternstunde. Schlagzeug-Legende Alvin Queen (69) tritt in Brötzingen in allerbester Spiellaune gemeinsam mit drei Ausnahmemusikern auf: mit Hardbop-Protagonist Jesse Davis (54) am Altsaxofon, Pianist Danny Grissett (44) und mit dem vielseitigen Dezron Douglas (38) am Kontrabass.

„Ihr schreibt heute Geschichte“, wendet sich Alvin Queen freudestrahlend an die Zuhörer, „das wird ein Live-Mitschnitt“. Tatsächlich bedient der umtriebige Münchner Tontechniker Uwe Schwidewski den Mischpult auch als Aufzeichnungscomputer. Der Ablauf des ersten Sets scheint weitgehend abgesprochen: Die Formation nimmt mit Dezron Douglas’ Komposition „East Harlem Moon“ und dem getragenen Titel „You Don’t Know What Love Is“ ein wenig Fahrt raus. Die solistischen Kabinettstückchen an Saxofon, Schlagzeug, Bass und Piano, die lebhaften musikalischen Zwiegespräche der vier grandiosen US-Musiker, auch die raumgreifende Dauer der Stücke, sorgen beim Publikum für spontane Begeisterung. Auch zwei der Musiker sind bereits im Spaß-Modus angekommen: Schlagzeuger Alvin Queen singt und summt leise zum Saxofon-Solo, der junge Bass-Mann Dezron Douglas bekommt das Grinsen einfach nicht mehr aus dem Gesicht. Mit dem „Blues For Sluggo“ von Saxofonstar Jesse Davis geht es im Brötzinger Jazz-Biotop in die Pause.

Alvin Queen wirbelt vergnügt, variantenreich und zielstrebig über die Felle und Becken. In der zweiten Hälfte gelingt es den von ihm angetriebenen Musikern, die im ersten Set gezeigte Darbietung noch zu toppen. Die Stückauswahl überrascht und begeistert auch Techniker Schwidewski, wie er nach der mit musikalischen Zitaten und spontanen Einfällen angereichten Zugabe „We See“ (Thelonius Monk) im Gespräch verrät. Zuvor läuft Alvin Queen zu sensationeller Form auf: Sein variantenreiches Schlagzeugspiel kulminiert in perkussiven Rimshots und Rimclicks, er bearbeitet die Felle mal mit Drumsticks, mal mit Besen und der flachen Linken, zuletzt auch mit Paukenschlegeln.

Hinreißender Soul-Jazz

Am immer wieder parallel zu seinem Spiel routiniert und flink nachjustierten Hi-Hat findet er Stellen für rasante Beats, die viele seiner Berufskollegen so gut wie nie nutzen. Was die Formation zu Charlie Parkers „Au Privave“ inszeniert, ist hinreißender Soul-Jazz der Extraklasse – und bringt nach Pianist Grissett auch Saxofonstar Davis in Party-Stimmung. Fast wäre dabei nicht nur der Notenständer, sondern auch die Brille von Jesse Davis zum Opfer der begeisterten Spielfreude geworden, was aber nur wenige Zuschauer bemerken.