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Cindy aus Marzahn, die proletarische Prinzessin in Pink, begeistert die Massen im CongressCentrum Pforzheim. © Seibel
30.10.2010

Popstar in Pink: Cindy aus Marzahn

PFORZHEIM. Draußen, vor dem CongressCentrum, stapeln sich die Wasserflaschen aus Plastik. Das Security-Personal kennt kein Erbarmen beim Prüfen der Taschen und Rucksäcke am Einlass. Es ist wie bei einem Popkonzert. Drinnen, in der Halle, ist am vergangenen Freitagabend kein Platz mehr frei. Überall leuchten pinkfarbene T-Shirts, Plüschkrönchen oder Hawaiiblumen im Haar. Das Licht im Saal geht aus, die Menschen jubeln. Als sie die Bühne betritt – in gewohnt pinkfarbener Nicki-Jogginghose samt Polohemd – springen alle von den Sitzen und schreien. Sie wird gefeiert wie ein Popstar: Cindy aus Marzahn.

Bildergalerie: Cindy aus Marzahn begeistert im CCP

Diese Frau muss sich die Gunst und Laune ihres Publikums nicht erst erarbeiten, sondern kann schon aus dem Vollen schöpfen, noch bevor sie das erste Wort auf der Bühne spricht. Das ist Luxus und äußerst bemerkenswert, denn Cindy aus Marzahn ist keine Anke Engelke, sondern eine Newcomer im deutschen Comedy-Business: Im Fernsehen ist die 38-Jährige mit der Berliner Schnauze erst seit rund zwei Jahren präsent und auf Tour geht sie erst zum zweiten Mal.
Ost-Thema omnipräsent

„Nicht jeder Prinz kommt uff'm Pferd!“ heißt das neue Programm der gebürtigen Brandenburgerin, deren ostdeutsche Herkunft sich nicht nur im Namen ihrer Kunstfigur plakativ manifestiert. Auch auf der Bühne thematisiert Ilka Bessin, so ihr bürgerlicher Name, sie immer wieder: Den Bühnenhintergrund ziert ein riesiges Bild mit einer für die Ex-DDR so typischen Plattenbausiedlung. Während des Programms kokettiert sie immer wieder mit gängigen Vorurteilen („Stimmt es, dass ihr kein Fleisch zu essen hattet? Ja klar, ich bin von Baumrinde so fett geworden.“)

Das Hauptthema des Abends aber ist Cindys sehnsuchtsvolle Suche nach ihrem Traumprinzen. Obwohl sie eigentlich recht erfolgreich ist („Sogar der Playboy wollte mich haben, und das Geld hat auch gestimmt: Ich habe nur 500 Euro bezahlt“), will es mit den Männern nicht so recht klappen. Von Enrico hat sie sich jetzt getrennt („Der wollte, dass ich zu ihm ziehe – spinnt wohl, wohnt im Offenen Vollzug“) und danach gleich drei Diäten gemacht („Von einer wirste ja nicht satt“). und es mit Sport probiert. Das ging aber nicht: „Ich habe 'ne Muskelkrankheit: Die Muskeln wachsen bei mir nach unten“, sagt's und schlenkert mit den Oberarmen. Sie hat auf Zeitungsannoncen geantwortet und sich sogar auf ein Blinddate mit Schulze eingelassen. Der hat sich dann aber in seinen Blindenhund verliebt.

Professionell erzählt Cindy von ihrem Leben und Suchen: ohne Punkt und Komma, unterhaltsam und mit schauspielerischer Bandbreite. Mal mimt sie die laute Derbe, die grobe Worte brüllt und vulgäre Witze reißt; mal ist die traurige Einsame, die ihre Sehnsüchte ins Mikro säuselt und sich dafür vom gerührten Publikum lautstark bemitleiden lässt.

Die ganz große Stärke Ilka Bessins liegt genau da: In der Interaktion mit ihrem Publikum. Sie improvisiert meisterhaft – Stand-Up-Comedy at it's best – und sucht immer wieder den Dialog mit den Menschen: Fragt nach Namen, den Berufen, woher sie kommen, warum sie da sind; sie verschenkt Fanartikel und jede Menge Sektflaschen, signiert T-Shirts und Turnschuhe und posiert mit ihren Fans fürs Foto – alles während des Programms. Cindy aus Marzahn ist eine von ihnen: gerade heraus, unprätentiös, fehlbar und herrlich unperfekt – vielleicht liegen ihr deshalb die Menschen zu Füßen.