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Empfindsame wie auch markige Töne vereinen Katja Thiele als Medea, Konstanze Fischer als Medea-Gefährtin sowie Jens Peter, der den Jason gibt (von links).  haymann
Empfindsame wie auch markige Töne vereinen Katja Thiele als Medea, Konstanze Fischer als Medea-Gefährtin sowie Jens Peter, der den Jason gibt (von links). haymann
26.09.2016

Premiere von Grillparzers dramatischem Gedicht „Das goldene Vlies“

Es beginnt mit einer Ausstoßung und einem Bruch des heiligen Gastrechts. Und es endet auch so. Nur ist am Anfang die Königstochter Medea die Handelnde, zum Schluss aber ist sie das Opfer. Zwischen diese beiden Pole spannt der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer seine Trilogie „Das goldene Vlies“, die 1821 uraufgeführt wurde. Am Theater Pforzheimer wird das anspruchsvolle Stück in einer bemerkenswerten Aufführung gezeigt.

Die Geschichte um die unglückliche Medea, den griechischen Helden Jason und das magische Vlies stammt aus der Antike (von Euripides und Appolonios) und zählt zum ewigen Mythenschatz unserer Kultur. Grillparzer bindet die drei „Abteilungen“ seines Zyklus („Der Gastfreund“, „Die Argonauten“ und „Medea“) zu einem gewaltigen „dramatischen Gedicht“ zusammen. Unter vielen Deutungen gilt er auch als Exempel für den zeitlos gültigen Mythos vom Gold, seiner Kraft, seinem Fluch und seiner verderblichen Macht – passend zum 250jährige Jubiläum der Goldstadt Pforzheim. Die Einstudierung von Tilman Gersch legt deshalb ihr besonderes Augenmerk auf die verhängnisvolle Wirkung des goldenen Vlieses.

Tatsächlich lässt sich an diesem magischen Motiv die ganze Trilogie aufhängen, zumal die Inszenierung dabei so wichtige Handlungszüge wie die Liebesbeziehung zwischen Jason und Medea oder die fatale Ausgrenzung der Titelheldin als archaische Barbarin im vermeintlich „kultivierten“ Korinth keineswegs ausspart. Der Autor selbst betont das Pro-blem der kulturellen Divergenz nicht zuletzt schon auf sprachlicher Ebene: Er lässt Medea und ihre Gefährtinnen in freien Rhythmen, Jason aber und die Griechen in klassischen Jamben sprechen.

Am Golde hängt, zum Golde drängt (wieder Goethe) alles in diesem Drama. Medea ermordet einen Gast, um ihren Vater in den Besitz der Trophäe zu bringen. Sie verrät und verlässt ihre Heimat, um Jason das Vlies zu verschaffen und ihm in die Fremde zu folgen. Und auch Jason selbst und König Kreon wollen, wenn sie Medea ausstoßen und vernichten, deren kolchische „Mitgift“ behalten. So wird denn die kostbare Habe der so stolzen Heldin am Ende zu ihrem Unglück.

Die stark straffende Einrichtung des Dramas durch Barbara Wendland rückt diese Linie der Trilogie eindrucksvoll in den Vordergrund, und die Regie setzt den inneren Zusammenhang der Handlungsstränge in starke Momente, die durch das bewegliche Bühnenbild von Henrike Engel unterstrichen werden.

Als Medea ist Katja Thiele die beherrschende Protagonistin des fast zweieinhalbstündigen Abends. Sie wartet von Anfang an mit dem hochdramatischen Ton der wuchtigen Tragödin auf und verschenkt ein wenig die Möglichkeit, die Rolle mit lyrischen Akzenten zu entfalten und zum schauerlichen Ende mit der Ermordung ihrer (in Pforzheim sogar vier!) Kinder zu steigern. Dass die späte, ganz konventionelle Umbesetzung der Könige, die ursprünglich von Joanne Gläsel gespielt werden sollten, durch einen Mann (Benjamin Schardt) gravierende Folgen für die Konzeption hatte, steht zu vermuten.

Im übrigen Ensemble tut sich vor allem Jens Peter hervor, der den Jason mit einer spannungsreichen Mischung von empfindsamen und markigen Tönen als Helden zwischen Macho-Allüre und übermanntem Liebenden gestaltet. Henning Kallweit als aufgewühlter Absyrtus und Tobias Bode als Jasons besorgter Freund Milo steuern solide Studien bei. Besonderen Respekt verdienen Konstanze Fischer, Theresa Martini und Heidrun Schweda, die als Medeas Gefährtinnen und als präzise sprechender Chor zum szenischen Erfolg des Abends maßgeblich beitragen. Sehr bedauerlich war der beklemmend schlechte Besuch der Première. Das Pforzheimer „Goldene Vlies“ ist ein mutiger, schlüssiger Versuch, dem sperrigen Stück beizukommen, ohne es hinter aufdringlichen Aktualisierungen verschwinden zu lassen.