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Einmal um die Welt: Paquette (Danielle Rohr), Candide (Johannes Strauß), Pangloss, (Chris Murray), Cunégonde (Elisandra Melián) und Maximilian (Paul Jadach, von links). Foto: Haymann
Einmal um die Welt: Paquette (Danielle Rohr), Candide (Johannes Strauß), Pangloss, (Chris Murray), Cunégonde (Elisandra Melián) und Maximilian (Paul Jadach, von links). Foto: Haymann
Ritt auf dem Kronleuchter: Elisandra Melián als Cunégonde. Foto: Haymann
Ritt auf dem Kronleuchter: Elisandra Melián als Cunégonde. Foto: Haymann
27.02.2017

Premiere von Leonard Bernsteins „Candide“ im Theater Pforzheim

Pforzheim. Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung. Sie ist, wie Doktor Pangloss sie propagiert – „die beste aller möglichen“. Doch kaum gelangt der junge, verliebte Candide außerhalb der behüteten Schlossmauern, stürzen Leid und Unglück auf ihn ein.

Candide feiert Premiere im Theater Pforzheim

Nichts ist, wie es war. Vergeblich sucht er nach dem Guten und Gerechten – und nach seiner heiß geliebten Cunégonde. Am Ende ist er um die ganze Welt gereist, muss enttäuscht eingestehen, dass es kein Eden gibt, und auch keine unschuldige Angebetete. Leonard Bernsteins komische Oper „Candide“, die im Theater Pforzheim Premiere feierte, basiert auf der Satire „Candide oder der Optimismus“ von Voltaire – einer bitterbösen, philosophischen Abrechnung mit der Weltanschauung von Leibnitz, der sich im Stück hinter dem Lehrer Pangloss versteckt.

Dessen blindem Optimismus wird das reinste Chaos gegenübergestellt, bei dem kirchliche und staatliche Würdenträger verspottet werden. So auch in der Inszenierung von Magdalena Fuchsberger: Den roten Faden durch die 180-minütige Aufführung spannen zwei große weiße Bücher mit den Aufschriften „Optimismus“ und „Zweifel“, ein glitzernder Kronleuchter und der runde Bühnenboden, der wohl die Welt bedeuten soll (Bühne: Dirk Steffen Göpfert).

Die beiden Sockel mit Globus, Leibnitz-Büste und dessen Thesen bleiben dagegen nicht lange stabil. Bulgarische Soldaten rücken an, in Zeitlupe kommt es zu Mord und Totschlag. Merkwürdig Vermummte machen sich an der am Boden liegenden Cunégonde zu schaffen. Und auf dem Weg von Westfalen nach Portugal erlebt Candide eine Schiffskatastrophe mit wackelnden Wänden und einen Vulkanausbruch mit herabstürzenden Stühlen, die später zum Scheiterhaufen der Inquisition getürmt werden. Eine verworren-groteske Abenteuergeschichte mit sterbenden und wieder auferstehenden Menschen wird da vorgeführt, der nur schwer zu folgen ist. Oper, Operette und Musical treffen auf absurdes Theater mit Kitsch, Karikaturen und überladener Symbolik – und einem Kostümmix aus Pierrot-Look, Barock und Petticoats der 1950er-Jahre (Kathrin Hegedüsch). Betont wird vor allem das kirchen- und frauenfeindliche Thema.

Neben Hinrichtungen mit Galgenhumor gibt es Vergewaltigungen, Krieg, Sex, Sklaverei und Prostitution. Und eine Vielfalt an Musikstilen, die von breiter Walzerseligkeit über spanische Habanera und argentinischen Tango bis hin zu Polkas, Opernarien, Jazz und kurzen Klezmer-Anklängen reicht.

Der Badischen Philharmonie unter Leitung von Mino Marani gelingt ein farbenprächtiges Potpourri, das bei den anfänglichen Erzählpartien etwas zurückhaltender hätte sein können. Star des Abends ist Chris Murray, der wie die meisten Darsteller mehrere Rollen verkörpert: den Erzähler Voltaire mit französischem Akzent, den stolzen Pangloss und den listigen Südamerikaner Cacambo. Als pessimistischer Holländer Martin bekommt Murray auch gesanglich Gelegenheit aufzutrumpfen – mit dem Auslach-Song „Words“. Johannes Strauß wirkt in der Titelrolle des träumerisch durch die Welt wandelnden Candide ein wenig blass, überzeugt aber bei seinen traurigen Tenorarien mit viel Gefühl und lyrischem Schmelz. Äußerst präsent und stimmlich herausragend ist die Sopranistin Elisandra Melián als glamourliebende Cunégonde. Ihre Koloraturarie im Kronleuchter „Glitter and Be Gay“ meistert sie mit Bravour. Ein graziles Tanzpaar verkörpert das Traumbild der beiden.

Ausdrucksstarker Tango

Zu den sängerischen Höhepunkten gehören die Tangonummer der ausdrucksstarken Mezzoso-pranistin Anna Agathonos als Old Lady und die Arie von Kwonsoo Jeon als südamerikanischer Edelmann. Danielle Rohr gibt eine lebhafte Paquette, Paul Jadach zeigt seine komische Seite unter anderem als Maximilian. Nicht immer gelungen sind die Choreinlagen mit Inquisitoren, Paradiesbewohnern oder Sklaven. Das Premierenpublikum spendet tosenden Applaus.