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Graf d’Almaviva (Paul Jadach) kann die Finger nicht von Susanna (Franziska Tiedtke) lassen.  Haymann
Graf d’Almaviva (Paul Jadach) kann die Finger nicht von Susanna (Franziska Tiedtke) lassen. Haymann
31.10.2016

Premiere von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ am Stadttheater

Immer wieder gerne wird Mozarts „Figaro“ als Sozialdrama – Adel gegen Bürgertum – oder als Geschlechterkampf – Männer gegen Frauen – auf die Bühne gebracht. Gerne – wie vor Jahren in Stuttgart – aus der Perspektive der aufkommenden Französischen Revolution erzählt oder kurz mal in die 1970er verlegt, wie einst in Stuttgart. Dass diese wunderbare Oper all dies letztlich gar nicht nötig hat, zeigt jetzt Regisseurin Caroline Stolz am Theater Pforzheim.

Sie macht es sich scheinbar leicht – und legt sich auf kein bestimmtes Thema oder eine konkrete Zeit fest. Lediglich die Kostüme mit Rokoko-Touch (Ausstattung Jan Hendrik Neidert/Lorenza Diaz Stephens) geben einen Hinweis. Doch gerade diese Zeitlosigkeit, diese Leichtigkeit, mit der die Spielleiterin diese Geschichte um Liebe und Macht, Betrug und Verwechslung erzählt, ist ein hartes Stück Arbeit. Denn hier muss genau hingeschaut werden, was Susanna und Figaro, was Graf und Gräfin, was Cherubino und Barbarina wirklich fühlen – hinter der Fassade. Und genau dieser Blick gelingt der Regisseurin exzellent. Ihre „Hochzeit des Figaro“ lebt von wunderbarer Situationskomik, von großer Heiterkeit ohne jeglichen Klamauk, von einer genauen Zeichnung der Figuren, von perfekt abgestimmten Abläufen, von überraschenden Knalleffekten und von einem höchst spielfreudigen Ensemble, das auch eindrucksvoll singt.

Feine Gesangsleistungen

Paul Jadach, neu im Ensemble, ist ein stimmgewaltiger Graf d’Almaviva – ganz rachelüsterner Macho, der nicht nur die süße Susanna ins Bett zwingen will. Seine Contessa (ebenfalls neu: Silvia Micu) schaut dem Treiben mit Wut und Wehmut, mit Schmerz und der Lust an eigenen Eskapaden zu. Herausragend ihre Arie „Dove sono“, die mit schön geführtem Sopran die ganze Gefühlspalette aufscheinen lässt. Ebenso witzig, wie hingebungsvoll und einfach großartig gespielt und gesungen – der Cherubino von Danielle Rohr. Auch Cornelius Burger verleiht dem Figaro mit seinem wandelbaren Spielbass ebenso heitere wie nachdenkliche Züge. Perfekt fügt sich Franziska Tiedtke in dieses hochkarätige Quintett ein: Mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer Schauspielkunst ist sie eine Kammerzofe Susanne mit umwerfend komischen Zügen und großem Selbstbewusstsein. Überhaupt kann das Ensemble in dieser Produktion begeistern: Manuela Wagner gibt eine stutenbissige Marcellina, Johannes Strauß ist ein wohlklingender Basilio, Aleksander Stefanowski ein mit Gehilfe ausgestatteter Don Bartolo, Spencer Mason ein urkomischer Gärtner Antonio und Elisandra Melián eine süße Barbarina. Mit augenzwinkerndem Charme gezeichnet auch die herzigen Blumenmädchen und die stattlichen Herren des Chors.

Wie sich die oft widersprüchlichen Gefühle der Protagonisten in Mozarts Musik widerspiegeln, das bringen Dirigent Mino Marani und die Badische Philharmonie auf den Punkt: mit einer Fülle von Klangfarben, mit zupackendem Temperament und dem Mut zur notwendigen Süffigkeit.

Und wenn Caroline Stolz dann zum Schluss dem Happy End der glücklichen Paare noch einen kleinen ironischen Schwenk mitgibt – der Graf kann’s nicht lassen und kneift Susanne in den Po, und die Gräfin lässt sich galant von Cherubino die Hand küssen –, dann ist das Publikum restlos zufrieden: Viel Beifall und Bravorufe für einen feinen und trotz drei Stunden Spieldauer kurzweiligen Opernabend.