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Uwe Münzing will die Schmuckproduktion begreifbar machen.  ZIORA
Uwe Münzing will die Schmuckproduktion begreifbar machen. ZIORA
Nach langer Bauzeit ist das Technische Museum umgestaltet worden.  smp
Nach langer Bauzeit ist das Technische Museum umgestaltet worden. smp
31.03.2017

Professor Uwe Münzing: „Kleine Eingriffe erzielen eine große Wirkung“

Das Ausstellungsteam von büro münzing aus Stuttgart gestaltet das Technische Museum Pforzheim an der Bleichstraße neu, das am Wochenende, 8. und 9. April, mit einem großen Publikumsfest bei freiem Eintritt wieder eröffnet wird. Über die Neugestaltung spricht Professor Uwe Münzing mit der „Pforzheimer Zeitung“.

PZ: Welche Aspekte waren für die Neugestaltung wesentlich?

Professor Uwe Münzing: Bereits vor zehn Jahren gab es erste Überlegungen, das Technische Museum zu erneuern. 2008 haben wir ein Konzept erstellt, das dann vier Jahre später überarbeitet und nun zum Schmuckjubiläum realisiert wurde. Wir haben uns den Bestand angeschaut: eine reichhaltige Sammlung von Maschinen zur industriellen Herstellung von Schmuck und Uhren. Ein Goldschmied benötigt lediglich einen Tisch, um sein Schmuckstück zu realisieren. Aber hier geht es um die maschinelle Fertigung von Schmuck und Uhren, die Arbeitsteilung der Fertigung erzählt auch die Geschichte der Industrialisierung. Wir wollten in jedem Fall den Charme der Sammlung in diesem historisch wertvollen Fabrikgebäude erhalten. Es ist ein seltenes Kleinod für Sammler und Jäger, es geht um die Lust am Entdecken. Für Laien war es jedoch bisher schwer verständlich, und genau hier haben wir angesetzt und wollen die Maschinen und die Herstellungsschritte lesbar machen. Wir haben so wenig wie möglich verändert, aber gerade das bedeutet viel Arbeit. Am Ende soll alles ganz selbstverständlich erscheinen. Die Besucher werden keine großen Veränderungen wahrnehmen, aber die zahlreichen Detailadaptionen führen dazu, dass jetzt die Inhalte lesbar werden. Insgesamt sind etwa sieben Gestalter aus unterschiedlichen Disziplinen seit zwei Jahren damit beschäftigt, die Gesamtmaßnahme umzusetzen. Das beginnt mit einem neuen Corporate Design, der Recherche und Aufbereitung der Themen für eine Ausstellungsdramaturgie, der Entwicklung der Ausstellungsmittel, der Begleitung der baulichen Renovierungsmaßnahmen und der grafischen Visualisierungen in unterschiedlichen Medien. Wir wollen Inhalte vermitteln und durch geschickte Ordnung und räumliche Verknüpfung eine schlüssige Erzählung ermöglichen.

PZ: Was sind die wesentlichen Neuerungen?

Professor Uwe Münzing: Die Arbeitsschritte zur Schmuckproduktion sind nach ihrem Ablauf gegliedert. Filigrane Ausstellungselemente strukturieren die einzelnen Bereiche. Durch historische Fotos der Maschinen in ihren ursprünglichen Einsatzbereichen sowie erläuternde Texte zu den Exponaten erzeugen wir letztendlich ein Gesamtbild. Auf den 1000 Quadratmetern gibt es dadurch sicherlich beim zweiten und dritten Besuch noch etwas zu entdecken. Zur Verwendung kommen hochwertige Materialien, die subtil die ursprüngliche Atmosphäre und Farbigkeit des Fabrikgebäudes und der Exponate spiegeln, sie sind eher matt und metallisch-dunkel, haben die Anmutung einer alten Werkbank oder einer mechanischen Vorrichtung. Die Herstellung von Kontext und Identität spielt dabei eine tragende Rolle. Die Raumfarben, soweit neu angebracht, nehmen vorhandene Töne auf und bewegen sich in einem grau-grünen Bereich. Das Museum selbst wird als Exponat lesbar. Die notwendige Ausstellungstechnik bleibt möglichst unsichtbar, der schöne, industrielle Raum soll nicht verändert werden. Nur das Foyer erfährt – auch farblich – eine komplette Neugestaltung, mit neuem Kassenbereich, Schließfächern und Museumsshop. Eine vollkommen neue Themenstation im zentralen Bereich des Museums widmet sich umfassend den Innovationen zahlreicher Pforzheimer Unternehmen.

PZ: Vor welchen Herausforderungen stand das Architekturbüro bei diesem Projekt?

Professor Uwe Münzing: Die Arbeit begann mit einer sorgfältigen Bestandsaufnahme, so dass in der anschließenden Recherche eine thematische Zuordnung der Maschinen und Kleinexponate zu den einzelnen Themen erfolgen konnte. Das gestaltete sich in Anbetracht von zahlreichen Sonderanfertigungen und exotisch anmutenden Apparaturen in der Analyse sehr aufwendig. Durch die Vielzahl der raumgreifenden Maschinen entstand der Gestaltungsansatz, die Maschinensammlung als eine homogene Ebene abzubilden und die Didaktik als erzählerische Folie einzufügen, um damit visuell den gewünschten Kontext zur Lesbarkeit der Artefakte innerhalb der neu geschaffenen Themenstationen herzustellen. Im Besucher wird damit der Entdecker und Forscher angesprochen: letztendlich eine charmante und adäquate Art des Ausstellungsbesuchs. In der Uhrenabteilung im Obergeschoss verhält es sich ähnlich. Neu ist ein in der Raummitte platziertes Ausstellungselement, das die zahlreichen Kleinexponate und Ensembles aufnimmt und gemeinsam mit den Großmaschinen einen inhaltlich gegliederten Parcours ermöglicht. Die Herausforderung bestand vor allem darin, mit wenigen, kleinen Eingriffen eine große Wirkung zu erreichen, den Charakter, also die Aura des Orts zu bewahren und dem Besucher eine Art Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben, damit er die Prozesse und Abläufe verstehen und einordnen kann. Die Neustrukturierung garantiert eine neue Sichtweise auf die Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindus-trie.