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Auch durch SWR3 bekannt: der Poetry Slammer Sebastian Lehmann.  Foto: Roller 

Publikum lacht über Gespräche mit Eltern: Sebastian Lehmann im Kulturhaus Osterfeld

Pforzheim. Wie kann man erst um halb zwölf frühstücken? Und was ist das eigentlich für ein Beruf, freischaffender Schriftsteller? Wäre er doch Arzt geworden. Oder Anwalt. Oder Lehrer. Zum Glück gibt es auch einen erfolgreichen, netten Sohn in der Familie. „Wir haben ja noch deinen Bruder.“ Sebastian Lehmanns Eltern müssen anstrengend sein. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man ihm im Kulturhaus Osterfeld zuhört. Im Plauderton liest er dort am Freitagabend eine Geschichte nach der anderen vor. Alle mitgeschrieben, während er mit seinen Eltern telefoniert hat. Genauer gesagt mit seiner Mutter, denn sein Vater trägt nur hin und wieder durch Zurufe aus dem Hintergrund etwas zur Unterhaltung bei.

Die Themen sind vielfältig. Es geht um das Wetter, um seinen Geburtstag oder um die Einschränkungen der Corona-Zeit. Mit letzteren sind Lehnmanns Eltern übrigens ganz gut zurechtgekommen. „Mit Dir als Kind war früher auch immer Ausnahmezustand.“ Was musste er damals auch seine Blockflöte verschlucken und sich beim Fußball die Hüfte brechen? Und heute? Da ist es auch nicht viel besser. Das geht schon bei seiner sogenannten Berufswahl los und endet bei seiner Freundin. Wobei: Mit der ist seine Mutter ja ganz zufrieden. „Sebastian, versau’ das bitte nicht.“

Sätze, die der Schriftsteller im Osterfeld staubtrocken vorträgt. Mit jeder der hoffentlich stark übertriebenen Geschichten lernt das Publikum seine Eltern, die er auch in einem Podcast bei SWR3 vorstellt, besser kennen: Beide sind Rentner, wohnen in Freiburg und essen pünktlich um halb zwölf, gerne auch Schweinebraten mit Leberknödeln und Schinkensahnesoße. Schlecht, wenn man, wie Lehmann, Vegetarier ist. Aber wie sagt seine Mutter? „Hitler war ja auch Vegetarier.“ Im Auto benutzen sie und ihr Mann immer das Navi, obwohl sie nur auf Strecken unterwegs sind, die sie kennen. Egal. „Jetzt haben wir es gekauft, jetzt schalten wir es an.“ Früher hätten sie ihrem Sohn erzählt, dass das Nasehochziehen ins Gehirn geht, dass einem das Schielen bleibt und dass man vom Fernsehen eckige Augen bekommt. Aber es könnte schlimmer sein. Man denke nur an Eltern, die ihr Kind „Tristan-Maria“ nennen, es streng geschlechtsneutral und anti-autoritär erziehen. „Aber das Taschengeld wird gekürzt, wenn es keine Klavierstunden nimmt.“

Verrückte Welt. Alles könne man heute per Lieferdienst bestellen, selbst Lebensmittel. Aber Hauptsache, der Versand sei klimaneutral. Die Zeiten ändern sich. Auf den Pausenhöfen beschimpfen sich die Halbstarken heute gegenseitig als Lauch. Lehmann kann das nur bedingt verstehen. „Wenn Gemüse als Beleidigung, dann bitte ekliges.“ Er hat im Internet den Google-Übersetzer für sich entdeckt. Eine wahre Zaubermaschine: Macht er doch aus bekannten englischsprachigen Popsongs von ganz allein „krasse Lyrik“. Aus Lady Gagas „Pokerface“ wird so ein „dadaistisches Lautgedicht“, aus dem 1980er-Jahre-Hit „Ice Ice Baby“ eine „Räuberballade, die deutsche Version von Gangster-Rap“. Und wenn man Udo Jürgens’ „Aber bitte mit Sahne“ zuerst ins Chinesische und anschließend wieder in Deutsche übersetzt, wird es hygienisch fragwürdig: „Sie uriniert auf dem Stuhl der Konditorei.“ Das Publikum lacht sich kaputt.