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Joel Berger (links) und der Vorsitzende des Vereins ProSynagoge Rami Saliman, der Bergers Autobiografie „Der Mann mit dem Hut“ in der Hand hält. Foto: Morelli
Joel Berger (links) und der Vorsitzende des Vereins ProSynagoge Rami Saliman, der Bergers Autobiografie „Der Mann mit dem Hut“ in der Hand hält. Foto: Morelli
16.03.2018

Rabbi Joel Berger beleuchtet Chagall

Pforzheim. Wer am Mittwoch um kurz vor acht die geöffneten Räume der jüdischen Gemeinde betritt, wird dort ein zunächst eher verblüffendes Bild vorfinden: Die Gestalt Jesus Christi am Kreuz prangt groß auf den Wänden der Synagoge. Davor sitzt der ehemalige Landesrabbiner und Sprecher bei „SWR1 Anstöße“, Joel Berger (80), der gerade seinen Vortrag über die Gemälde Marc Chagalls beendet.

Innerhalb der vergangenen Stunde hat der bekannte Schriftgelehrte die jüdischen Symbole in zehn Kunstwerken des Expressionisten Chagall beleuchtet. Der Gekreuzigte ist dabei ein immer wiederkehrendes Motiv, das das jüdische Märtyrertum in Hinblick auf den Holocaust verkörpert. Obwohl Chagall zu seinen Lebzeiten von 1887 bis 1985 zahlreiche Kirchenfenster gestaltete und teilweise Szenen aus dem Neuen Testament aufgriff, prägte die russisch-jüdische Abstammung seine Bildwelten. Und Berger zeigt eindrucksvoll auf, wie er biblische Motive mit den Leiden seiner Gegenwart verknüpfte, indem er trauernde Figuren, moderne Gebäude und brennende Synagogen als Referenz verband.

Gut besuchter Vortrag

Der Vortrag im Rahmen der bundesweiten jährlich stattfindenden Woche der Brüderlichkeit ist so gut besucht wie bisher keine Veranstaltung in der Synagoge. Weit mehr als die vorab 182 angemeldeten Gäste füllen den Saal und die Empore.

Neben dem historischen Kontext lenkt Berger den Blick auf jüdische Traditionen, die sich oft in den Details und im Hintergrund der Gemälde widerspiegeln. So kann man lernen, dass der Gläubige auf dem Bild „Festtage“, anders als oft vermutet, einen Paradiesapfel und keine Zitrone in der Hand hält. Zusammen mit Myrte, Bachweide und Dattelpalme ergibt sich daraus ein Strauß, der das gesamte Volk Israel repräsentiert.

Bedeutung der Tiere

Auch unterschiedliche Tierköpfe haben ihre Bedeutung, die auf die ländliche Herkunft des Künstlers verweisen: Das Pferd steht für die Existenz ganzer Familien, Rinder und Schafe als koschere Mahlzeiten für die Quelle des Lebens sowie Heringe für die Nahrung der Armen, von denen Chagall als Sohn eines Heringsfabrikangestellten selbst oft zehrte.