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Don Quijote und Sancho Panza sind nur zwei der Figuren, die in Raphael Mürles neuem Stück die Bühne im Mottenkäfig bevölkern. 

Raphael Mürle lässt den Dichter Cervantes wieder lebendig werden

Regungslos liegt die Figur auf dem Boden. Raphael Mürle lässt eine weiße Feder über sie schweben, mit der er sie an den Füßen berührt, an den Armen und am Kopf. Die rechte Hand zuckt. Langsam hebt die Figur den Kopf. Sie richtet sich auf, zunächst nur bis zu den Knien, dann vollständig. Cervantes wird lebendig. Lange Haare, blaue Hände, ein großer Kopf mit markanter Nase und abstehenden Ohren: So sieht er aus. Cervantes war ein Mann, der einst nach Italien floh, um seine rechte Hand zu retten – nur, um dann seine linke nach einer Seeschlacht nicht mehr bewegen zu können.

Ein Mann, der immer wieder im Gefängnis saß, Pech hatte in der Liebe und als Schriftsteller erst nach einer Weile Erfolg. Raphael Mürle und Regisseurin Jutta Schubert haben ihm ein 70-minütiges Stück gewidmet: Keine Biografie, sondern ein Porträt, das tiefe Einblicke in das Seelenleben des 1616 verstorbenen spanischen Schriftstellers erlaubt, Gefühle und innere Prozesse augenfällig macht. Da ist ein kleiner, weißer Kopf, der über die Bühne schwebt und Unheil bringt. Er sieht gruselig aus, beißt Cervantes in die Hand und in den Kopf: Es ist der Tod, dem der Protagonist hier ins Auge blickt. Die Bilder des Kriegs kann er nicht vergessen, seine geliebte, wunderschöne Ana nicht heiraten. Er muss sich mit Catalina zufriedengeben, einer reichen Bauerntochter, die ihn nicht glücklich zu machen scheint.

Cervantes hat kein Glück

Als Sklave wird er nach Algier verschleppt, als Steuereintreiber exkommuniziert, als Versorgungskommissar der Veruntreuung bezichtigt und ins Gefängnis geworfen. Dort lässt Mürle ihn eine Stimme hören: fremd und doch bekannt. Sie erzählt ihm von Rittern, ausgerechnet. Don Quijote fährt auf die Bühne: eine Hut tragende Holzfigur mit drei Rädern und einem Kopf, der auf einem langen Oberkörper sitzt. Sein Gefährte Sancho Panza ist mit seiner kleinen, rundlichen Erscheinung nicht nur optisch das genaue Gegenteil: Ohne zu sprechen, ermahnt er immer wieder den voller Tatendrang steckenden Landadeligen, der sich selbst zum fahrenden Ritter erklärt und versucht, gegen Windmühlen zu kämpfen, die er für verzauberte Riesen hält.

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Mürles junger Cervantes.

Beeindruckende Bilder entstehen auf der Bühne: Ein aus mehreren Bällen bestehender Wurm kriecht pulsierend, eine blaue Hand schwebt und eine Feder wandert wie von Geisterhand auf einem Schreibpult. Mürles Figuren sind erkennbar keine Menschen, aber er versieht sie mit menschlichen Eigenschaften, lässt sie verzweifeln und über ihr Leben nachdenken. Horst Emrich leiht Cervantes seine tiefe, sonore Stimme, mit der sich hervorragend Geschichten erzählen lassen. Jens Felgers Musik ordnet die Handlung ein und interpretiert die Szenen, indem sie den emotionalen Kontext schafft. Auch Mürle interpretiert. Etwa, wenn er Cervantes’ Kopf auf Don Quijote setzt. Aber wie ist es zu verstehen, wenn er sich selbst die Maske des Cervantes aufzieht? Zweifellos hat Mürle sich intensiv mit dem Dichter, seinem Leben und Werk auseinandergesetzt: ein Leben voller Abenteuer und Überraschungen. Am Ende liegt Cervantes wieder regungslos auf dem Boden, das Gesicht nach unten. Mürle findet seine Feder und nimmt sie an sich