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Seit August 2017 in Hausarrest: Kirill Serebrennikow. Foto: Ducke
Seit August 2017 in Hausarrest: Kirill Serebrennikow. Foto: Ducke
08.11.2018

Regisseur Serebrennikow in Russland erstmals öffentlich vor Gericht

Moskau. Als frostiges Signal an die Kulturszene in Russland hält die Staatsmacht Gericht über Kirill Serebrennikow, den Liebling der Moskauer und der internationalen Theaterszene. „Ich habe nichts gestohlen“, sagte der Regisseur (49) gestern zu Beginn der öffentlichen Hauptverhandlung in einem Untreueprozess in Moskau. Absurd, unverständlich nennt er die Vorwürfe. Ein Jahr im Hausarrest hat er schon hinter sich.

Mit dem renommierten Theatermacher sind seine Ex-Mitarbeiter Alexej Malobrodski und Juri Itin angeklagt sowie Sofia Apfelbaum als frühere Beamtin des Kulturministeriums. Die Anklage wirft ihnen vor, bei einem Theaterprojekt 133 Millionen Rubel (1,7 Millionen Euro) staatlicher Zuschüsse unterschlagen zu haben.

Es ist wie absurdes Theater: Vier kluge, redegewandte Angeklagte in den Fängen einer stumpfen Gerichtsmaschinerie. Anderthalb Stunden rasselt ein nervöser junger Staatsanwalt die Anklageschrift herunter, spricht von „kriminellen Absprachen“. Gezeichnet wird das Bild einer Betrügerbande, die nur deshalb Theaterstücke aufgeführt habe, um Staatsgeld beiseite zu schaffen.

Im Gerichtssaal drängen sich die Zuschauer. Journalisten und Diplomaten verfolgen den kulturpolitisch wichtigen Prozess. Schauspieler aus dem Gogol-Theater werfen einen Blick auf ihren Chef Serebrennikow.

„Ich spüre die Unterstützung meiner Freunde, von Künstlern, die hier zum Prozess kommen“, sagte Serebrennikow in einer Verhandlungspause. Wie die russische Gesellschaft auf seinen Prozess reagiere, sei schwer zu sagen. Er spüre aber, dass die Gesellschaft in Deutschland hinter ihm stehe. Politiker aus vielen Ländern haben den Fall bei Putin angesprochen. Trotz des Hausarrests arbeitet Serebrennikow weiter. Die Staatsoper Stuttgart 2017 brachte die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne, auch wenn er die Inszenierung nicht fertigstellen konnte. Die Stuttgarter machten das Bruchstückhafte deutlich. In Deutschland läuft heute Serebrennikows Film „Leto“ über den sowjetischen Rockstar Viktor Zoi an, den er daheim am PC geschnitten hat.