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Die Zuschauer wollen im voll besetzten PZ-Forum wissen, was für ein Konzert das Südwestdeutsche Kammerorchester zusammen mit dem Richard-Wagner-Verband Baden-Baden/Pforzheim auf die Beine gestellt hat. Fotos: Ketterl
Die Zuschauer wollen im voll besetzten PZ-Forum wissen, was für ein Konzert das Südwestdeutsche Kammerorchester zusammen mit dem Richard-Wagner-Verband Baden-Baden/Pforzheim auf die Beine gestellt hat. Fotos: Ketterl
Timo Handschuh erkundet mit dem SWDKO die Epoche der Klassik.
Timo Handschuh erkundet mit dem SWDKO die Epoche der Klassik.
14.07.2016

Reise auf den musikalischen Gipfel: Konzert des SWDKO im PZ-Forum

Pforzheim. Die Musikgeschichte kann hart sein. Manchen Meister vergisst sie, manchen Mittelmäßigen schleppt sie mit durch die Jahrhunderte. Hart ist die Musikgeschichte aber auch aus einem anderen Grund. Sie hat einen Höhepunkt. Und rechts und links davon noch viele große Werke, die aber in einem nicht heranreichen an diesen Gipfel, den man „Klassik“ nennt: im Gleichgewicht. Was das konkret bedeutet, hat das Südwestdeutsche Kammerorchester in seinem Konzert „Perlen der Klassik“ im PZ-Forum gezeigt.

Im Mittelpunkt steht Mozart. Sein Klavierkonzert Es-Dur (KV 449) ist ein großer Wurf – und das Werk eines Pioniers. Denn als es Mozart komponiert, gehört er zu einer Gattung, die er selbst erfunden hat: freischaffender Komponist. Da ist kein Hof, der ihn unterhält, keine Hand, die ihn sicher nährt. Er ist auf sich allein gestellt – und schreibt Musik, die nicht mehr übertroffen wird. Warum? Weil sie auf kleinstem Raum die verschiedensten Charaktere verbindet, weil in jeder Sekunde immer das Neue, Unerwartete passiert – aber am Ende kein Chaos daraus wird.

Mit Wucht steigt das Orchester ein, Timo Handschuh glättet nicht, hat einen Blick für das Plötzliche, für Höhepunkte und Kontraste. Dann kommt das Klavier. Marie Thérèse Zahnlecker – Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes – tut das Unerwartete. Der Furor des Orchesters ist verpufft. Die Motorik, die immer weiter treibt, ist angehalten. Da ist Zahnlecker mit dem Klavier – sie bestimmt jetzt. Sofort ändert sich die Stimmung, sie sagt doch mit Tasten das Gleiche so anders als das Orchester. Die Augen geschlossen, in sich gekehrt. Dieser Gegensatz prägt den ersten Satz. Immer wieder bremst sie das Geschehen, setzt gegen das klangstarke Orchester das Klavier so leise – und lässt gerade dadurch aufhorchen.

Auf der Bremse

Der zweite Satz kommt ihr entgegen. Ganz zurückgenommen baut er sich auf: von einer eleganten Figur, die gegen den Takt strebt, hin zu immer mehr Skalen- und Girlandenspiel, das die Zeit vergisst – und beinahe nebensächlich leise zu Ende geht. Das Finale ist ganz anders. Viel Staccato, ein Thema, das sofort kontrapunktisch kommentiert wird, das später auch fugiert sein will, das freudig durch die Stimmen jagt. Hier ist Platz für Humor, das Klavier übernimmt mehr und mehr die Oberhand, erfindet stets neue Varianten und Umspielungen. Alles steigert sich – und ist dann doch zu früh vorbei.

Ein ungleiches Brüderpaar

Den Rest des Konzerts bestreitet das Kammerorchester alleine: mit dem ungleichen Brüderpaar von Joseph und Michael Haydn. Da gibt es am Anfang – noch vor Mozart – Joseph, mit einem ganz unbeschwerten Werk: dem Divertimento in G-Dur (Hob. II:2). Ein Werk für den Sommerabend, für draußen – zur Unterhaltung. Viel Tanzendes ist darin, auch Nettigkeiten. Selbst hier aber hat Joseph Haydn Anspruch. Er lässt auch im Leichten das Subtile nicht vermissen.

Da ist der zweite Satz, so höfisch im Charakter – aber mit plötzlicher dramatischer Steigerung nach Moll. Immer wieder verlässt Haydn die gefällige Oberfläche, lugt in Abgründe, nur um den Schrecken, die Aufregung nach Kurzem wieder einzufangen. Er will ja kitzeln, auch überraschen, aber hält doch in allem das Maß.

Den Abend beschließt ein Werk seines Bruders Michael: das Streichquintett G-Dur (Perger 109). Der Salzburger Haydn ist leider ein schlechterer Komponist. Im Allegro brillante ist die Durchführung der einzige Höhepunkt – und die ist leider viel zu kurz. Der zweite Satz – „Adagio affetuoso“ – ist über weite Teile auf der Suche nach seinem affektgeladenen Gipfel, findet ihn in einer Art instrumentalem Rezitativ nach langen Minuten der mittelmäßigen Motivspielerei.

Das Urteil der Geschichte

Dem recht hölzernen Menuett und Finale kann das Kammerorchester noch eine Menge Spielfreude abringen. In der Zugabe, die sich das Publikum im ausverkauften PZ-Forum heftig erklatscht, zeigt sich aber wieder, was die beiden Brüder unterscheidet. Der letzte Satz – das Finale – aus Joseph Haydns Divertimento kommt nochmal – und kann auf klitzekurzer Strecke schon mit mehr Material und Witz agieren, als es Michael in langen Zügen tut. Die Musikgeschichte hat geurteilt über die Brüder, den einen zum Beginn der „Klassik“ gemacht – und den anderen ein wenig vergessen. Manchmal hat sie eben recht – auch wenn es hart ist.