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Fingerzeig auf den Schneidezahn: Sebastian Hilscher (KoKi) und Saska A. Franic-Domic, einer Pforzheimer Freundin der in Berlin lebenden Regisseurin. Foto: Frommer

„Reise nach Jerusalem“ im Kommunalen Kino: Die Angst, aus dem Netz zu fallen

Pforzheim. Ein wunderbares, oft absurd witziges Spielfilm-Debüt: Die italienische, in Berlin lebende Regisseurin und Drehbuch-Autorin Lucia Chiarla (48) trifft mit ihrem humorvollen und klarsichtigen Erstling „Reise nach Jerusalem“ exakt das beklemmende Lebensgefühl von großstädtischen Agentur-Mitarbeitern ohne Festanstellung, die sich Kreativität bedingungslos auf die Fahnen schreiben, irgendwann aber die eigene Arbeitslosigkeit nicht mehr kaschieren können und niemals eine Rente bekommen werden.

Der 118-minütige Film entstand 2018. Im Kommunalen Kino Pforzheim wird er bis 22. Januar gezeigt – in einer Zeit, in der verstärkt über eine Verschärfung des Sanktionssystems bei staatlichen Sozialleistungen, aber auch über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachgedacht und höchst kontrovers diskutiert wird.

Hauptdarstellerin der „Reise nach Jerusalem“ ist die grandiose Eva Löbau (46), bekannt als Kommissarin der Schwarzwald-„Tatorte“. Sie trägt Chiarlas Film in nahezu jeder Szene, malt die Abstiegsangst der von ihr gespielten Enddreißigerin Alice Lidell glaubwürdig und emotional ergreifend aus – bis ins unangenehmste Detail. Sinnlose Umschulungen, desinteressierte Referenten, sich stapelnde Rechnungen und abgehobene Agenturangestellte: Lucia Chiarlas Film lässt keine Station des Abstiegs der sich meist glücklos abstrampelnden Antiheldin aus. Auch ein an der Technik letztlich scheiterndes Skype-Bewerbungsinterview wird in „Reise nach Jerusalem“ gezeigt.

Technische Störungen ziehen sich auch durch das von Sebastian Hilscher (35) geführte Online-Interview mit der Regisseurin. Allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es Chiarla, die Reaktionen seitens Presse und Politik auf den Punkt zu bringen: „Wir haben viel positives Feedback von Journalisten bekommen; auch von Leuten, die selbst in Maßnahmen stecken“. Seitens der Politik, sagt sie, sei bislang keine Reaktion gekommen, obwohl es in der nahen Zukunft „nicht mehr für alle gut bezahlte Arbeitsplätze geben wird“.

Chiarlas Film-Debüt kommt ohne moralisches Kantholz und ohne Fördermittel aus. Der aus Genua stammenden Regisseurin gelingt es, sich dem schwierigen Thema mit einer Prise mediterraner Leichtigkeit kurzweilig zu nähern. Schon deshalb ist uns ihre warmherzige „Reise nach Jerusalem“ eine handfeste Empfehlung wert.